Narzissten übernehmen ungern Verantwortung

Narzissten übernehmen ungern Verantwortung

Manchmal erkennt man einen Menschen nicht daran, welche Fehler er macht, sondern daran, was er danach mit diesen Fehlern tut.

Denn Fehler machen wir alle. Wir vergessen Versprechen, reagieren ungerecht, sagen im Streit etwas Verletzendes, treffen egoistische Entscheidungen oder enttäuschen jemanden, obwohl wir es vielleicht gar nicht wollten. Das allein macht einen Menschen weder narzisstisch noch grundsätzlich schwierig.


Interessanter wird der Moment danach.

Was passiert, wenn du sagst: „Das hat mich verletzt“?

Kann dein Gegenüber für einen Augenblick seine eigene Sicht beiseitelegen und versuchen zu verstehen, was bei dir angekommen ist? Kann er einen Fehler zugeben, ohne sofort deine Fehler hervorzuholen? Kann er sich entschuldigen, ohne eine Erklärung anzuhängen, die am Ende wieder dich verantwortlich macht?

Bei stark narzisstisch geprägten Menschen liegt genau dort häufig eine Schwierigkeit. Verantwortung kann sich für sie nicht wie eine normale Korrektur des eigenen Verhaltens anfühlen, sondern wie eine Bedrohung des eigenen Selbstbildes.

Deshalb wird sie abgewehrt.

Und manchmal geschieht das so geschickt, dass der Partner erst Jahre später bemerkt: Ich habe mich in dieser Beziehung für Dinge entschuldigt, die ich gar nicht getan habe.


Ein Abendessen, das eigentlich alles erklärt

Stellen wir uns ein Paar vor.

Sie sitzen mit Freunden beim Abendessen. Irgendwann erzählt er eine private Geschichte über seine Partnerin. Alle lachen. Sie lächelt gezwungen mit, obwohl ihr die Situation unangenehm ist.

Auf dem Heimweg sagt sie: „Ich fand es nicht schön, dass du das erzählt hast. Das war privat.“

Eine einfache Situation.

Eigentlich.

Er könnte antworten:

„Stimmt. Ich hätte dich vorher fragen sollen.“

Vielleicht würde sie sagen: „Okay.“

Das Thema wäre vermutlich nach zwei Minuten erledigt.

Doch stattdessen antwortet er: „Jetzt fang nicht schon wieder an.“

Sie versucht zu erklären, dass sie keinen Streit möchte.

„Du machst wirklich aus jeder Kleinigkeit ein Problem.“

Jetzt geht es plötzlich nicht mehr darum, was er erzählt hat.

Es geht darum, dass sie angeblich zu empfindlich ist.

Sie sagt: „Darum geht es doch gar nicht.“

Er antwortet: „Doch. Genau darum geht es. Alle anderen haben gelacht. Nur du musst wieder beleidigt sein.“

Jetzt kommen sogar die anderen Menschen als Beweis hinzu.

Am Ende schweigt sie.

Und vielleicht denkt sie später tatsächlich: Habe ich übertrieben?

Genau so kann Verantwortung verschwinden, ohne dass jemand jemals ausdrücklich sagt: „Ich übernehme keine Verantwortung.“

Die Diskussion wird so lange gedreht, bis du dich selbst erklärst

Das ist das Verwirrende an solchen Dynamiken.

Du kommst mit einem Problem in das Gespräch und verlässt es mit einer Aufgabe.

Du möchtest über seine Lüge sprechen.

Am Ende sollst du an deinem Misstrauen arbeiten.

Du möchtest darüber sprechen, dass er dich beleidigt hat.

Am Ende sollst du lernen, Kritik besser auszuhalten.

Du möchtest wissen, warum ein Versprechen erneut nicht eingehalten wurde.

Am Ende musst du erklären, warum du angeblich so hohe Erwartungen hast.

Das ursprüngliche Verhalten verschwindet nicht zufällig aus dem Gespräch. Durch Ablenkung, Gegenangriffe oder Schuldverschiebung muss sich die andere Person plötzlich verteidigen.

Und wer sich verteidigt, stellt keine Fragen mehr.

Verantwortung und Schuld sind nicht dasselbe

Hier liegt ein wichtiger Unterschied. Verantwortung zu übernehmen bedeutet nicht: „Ich bin ein schlechter Mensch.“

Es bedeutet: „Ich habe etwas getan, das nicht in Ordnung war.“

Psychologisch ist diese Trennung wichtig.

Ein Mensch mit einem ausreichend stabilen Selbstwert kann normalerweise aushalten, dass er sich falsch verhalten hat, ohne daraus abzuleiten, insgesamt wertlos zu sein.

Bei stark narzisstischen Strukturen kann Kritik jedoch Scham, Kränkung oder starke Abwehr auslösen. Dann wird das eigene Selbstbild geschützt.

Der Fehler muss kleiner werden.

Oder erklärt werden.

Oder jemand anderes muss schuld sein.

Nicht unbedingt, weil der Mensch innerlich denkt: „Jetzt manipuliere ich dich.“

Solche Abwehrmechanismen können tief eingeübt sein.

Für den Partner bleibt das Ergebnis trotzdem belastend.

Es gibt immer eine Erklärung

Das ist besonders interessant.

Frage einen Menschen, der Verantwortung konsequent vermeidet, warum er etwas getan hat, und häufig bekommst du eine beeindruckend lange Geschichte.

Er war gestresst.

Er hatte Probleme bei der Arbeit.

Du hast ihn provoziert.

Seine Ex hat ihn verletzt.

Seine Mutter war schwierig.

Er hatte schlecht geschlafen.

Er fühlte sich vernachlässigt.

Vielleicht stimmt sogar alles.

Doch eine Erklärung beantwortet nur die Frage: „Warum könnte ich so reagiert haben?“

Verantwortung beantwortet eine andere: „Was mache ich jetzt damit?“

Das ist der entscheidende Unterschied.

Ein Mensch kann sagen:

„Ich werde bei Kritik schnell aggressiv, weil ich früher sehr stark abgewertet wurde. Trotzdem ist es nicht richtig, dich anzuschreien. Ich möchte daran arbeiten.“

Hier wird Vergangenheit erklärt, aber nicht als Entschuldigung verwendet. Das ist Verantwortung.

Manche Narzissten entschuldigen sich durchaus

Die Vorstellung, ein narzisstisch geprägter Mensch würde niemals „Entschuldigung“ sagen, ist zu einfach. Manche entschuldigen sich sogar sehr überzeugend.

Vielleicht kommen Blumen.

Eine lange Nachricht.

Tränen.

„Ich weiß nicht, was mit mir los war.“

„Du bist das Wichtigste in meinem Leben.“

„Ich verspreche dir, dass das nie wieder passiert.“

Das kann sehr emotional sein.

Aber eine wichtige Frage wird häufig vergessen:

Was passiert vier Wochen später?

Denn die Qualität einer Entschuldigung erkennt man nicht nur daran, wie intensiv sie ausgesprochen wurde.

Man erkennt sie daran, was danach anders wird.

Wenn nach jeder Entschuldigung derselbe Konflikt zurückkehrt, wird irgendwann deutlich: Die Entschuldigung hat vielleicht die Beziehung beruhigt, aber das Verhalten nicht verändert.

Dann beginnt der Partner, noch besser zu werden

Das ist eine merkwürdige Folge.

Je weniger Verantwortung ein Mensch übernimmt, desto mehr kann der andere anfangen, an sich selbst zu arbeiten.

Vielleicht liest du über Kommunikation.

Du lernst, keine Vorwürfe zu machen.

Statt „Du hörst mir nie zu“ sagst du:

„Ich fühle mich nicht gehört.“

Du wartest auf einen ruhigen Zeitpunkt.

Du sprichst langsam.

Du versuchst verständnisvoll zu sein.

Du analysierst deine eigenen Trigger.

Das alles kann sinnvoll sein.

Doch irgendwann fällt dir etwas auf.

Du hast inzwischen gelernt, ein Problem auf fünf verschiedene Arten anzusprechen.

Und trotzdem endet jedes Gespräch gleich.

Dann sollte vielleicht nicht mehr nur gefragt werden: „Wie kann ich es besser sagen?“

Sondern: „Was passiert mit meinem Gegenüber, sobald ich überhaupt etwas Kritisches sage?“

Denn manchmal liegt das Problem nicht in deiner Formulierung.

Du beginnst, dich vorsorglich zu entschuldigen

Das kann sehr subtil werden. „Ich will dich wirklich nicht kritisieren, aber …“

„Bitte werde jetzt nicht böse …“

„Vielleicht sehe ich das auch falsch …“

„Ich möchte keinen Streit anfangen …“

Bevor du überhaupt gesagt hast, was dich stört, hast du bereits vier Möglichkeiten angeboten, warum dein eigenes Gefühl vielleicht nicht berechtigt ist.

Warum?

Weil du gelernt hast, dass Kritik Konsequenzen hat.

Also machst du dich kleiner, bevor du etwas aussprichst.

Damit verschiebt sich die Beziehung.

Du bist nicht mehr einfach ein Partner, der ein Problem anspricht.

Du wirst zum Manager der emotionalen Reaktion des anderen.

Und irgendwann fragst du dich nur noch, was du falsch gemacht hast

Das ist der Punkt, an dem Verantwortungsvermeidung des einen zur übermäßigen Verantwortungsübernahme des anderen werden kann.

Er ist schlecht gelaunt.

Habe ich etwas gesagt?

Er zieht sich zurück.

Was habe ich gemacht?

Er rastet aus.

Hätte ich das Thema nicht ansprechen sollen?

Er belügt dich.

Bin ich vielleicht zu kontrollierend?

Langsam entsteht eine Beziehung, in der du nicht nur für dein eigenes Verhalten Verantwortung trägst.

Du fühlst dich auch für seine Stimmung, seine Reaktionen und manchmal sogar für seine Entscheidungen verantwortlich.

Das ist eine schwere Last.

Die gefährlichste Frage lautet: „Wie kann ich ihn dazu bringen, es einzusehen?“

Viele Menschen bleiben genau an dieser Stelle hängen. Sie glauben, es müsse irgendeinen perfekten Satz geben.

Wenn ich es ruhig genug erkläre, versteht er es.

Wenn ich ihm dieses Beispiel zeige, erkennt er das Muster.

Wenn ich ihm einen Artikel schicke, sieht er endlich, was passiert. Also versucht man es wieder.

Und wieder. Doch Verantwortung lässt sich nicht aus einem Menschen herausargumentieren.

Ein Mensch muss selbst bereit sein, die unangenehme Möglichkeit auszuhalten: „Vielleicht habe tatsächlich ich hier etwas falsch gemacht.“

Ohne diese Bereitschaft wird jedes Gespräch zum Kreisverkehr.

Hör weniger auf das „Es tut mir leid“ und mehr auf das Danach

Das kann eine hilfreiche Orientierung sein. Nicht: Wie schön entschuldigt sich jemand?

Sondern: Was verändert sich?

Wird dieselbe Grenze erneut überschritten?

Wird beim nächsten Konflikt anders reagiert?

Kann die Person später von sich aus sagen: „Ich habe darüber nachgedacht und verstehe jetzt besser, was du meintest“?

Oder wird nach wenigen Tagen so getan, als wäre nie etwas passiert?

Verantwortung ist sichtbar. Sie zeigt sich nicht nur in Worten. Sie zeigt sich darin, dass ein Mensch aus seinem Verhalten Konsequenzen zieht.

Du brauchst kein Geständnis, um deiner Erfahrung zu glauben

Vielleicht wartest du schon lange auf diesen Satz: „Ja. Ich habe dich unfair behandelt.“

Vielleicht glaubst du, du könntest erst dann wirklich abschließen. Aber möglicherweise kommt dieser Satz niemals.

Dann besteht deine Freiheit irgendwann darin, nicht mehr darauf angewiesen zu sein.

Du darfst wissen, dass etwas dich verletzt hat, auch wenn der andere behauptet, es sei harmlos gewesen.

Du darfst eine Grenze ziehen, auch wenn er sie übertrieben findet.

Du darfst eine Beziehung infrage stellen, auch wenn er sagt, du seist das Problem.

Du brauchst kein unterschriebenes Schuldeingeständnis eines anderen Menschen, um deine eigene Erfahrung ernst nehmen zu dürfen.

Die Verantwortung, die tatsächlich bei dir liegt

Und hier verändert sich die Perspektive. Du bist nicht dafür verantwortlich, einem erwachsenen Menschen beizubringen, Verantwortung zu übernehmen.

Du bist verantwortlich für deinen Anteil.

Wenn du verletzt hast, kannst du dich entschuldigen.

Wenn du falsch lagst, kannst du es zugeben.

Wenn du ungesund reagierst, kannst du daran arbeiten.

Aber du musst nicht zusätzlich den Anteil des anderen tragen.

Vielleicht besteht deine Verantwortung irgendwann darin, zu sagen: „Ich habe meinen Teil angesehen. Jetzt sehe ich auch deinen.“ Und wenn der andere ihn nicht sehen möchte? Dann kannst du entscheiden, was das für dich bedeutet.

Denn eine Beziehung braucht keine zwei perfekten Menschen. Sie braucht zwei Menschen, die bereit sind, sich selbst gelegentlich kritisch anzusehen. Zwei Menschen, die sagen können:

„Da lag ich falsch.“

„Das hätte ich anders machen müssen.“

„Ich verstehe, warum dich das verletzt hat.“

Und vor allem: „Ich möchte es verändern.“

Wenn aber einer dauerhaft Fehler macht und der andere dauerhaft die Gründe dafür bei sich suchen muss, entsteht keine echte Partnerschaft.

Dann trägt einer irgendwann zwei Menschen auf seinen Schultern.

Und vielleicht ist die wichtigste Erkenntnis über Narzissten und Verantwortung deshalb nicht, warum sie ihre Schuld so ungern eingestehen.

Viel wichtiger ist die Frage: Warum solltest du weiterhin Verantwortung tragen, die niemals deine war?

Author

  • Melina Lauer Fuchs

    Ich bin Melina, Autorin dieses Textes. Mit meinen Worten möchte ich berühren, aufrütteln und zum Nachdenken anregen. Themen wie emotionale Verletzungen, familiäre Muster und inneres Wachstum begleiten mich seit vielen Jahren – beruflich wie persönlich. Wenn du dich in meinen Zeilen wiederfindest, dann weißt du: Du bist nicht allein.

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