Externalisierung: Warum für den Narzissten immer die anderen schuld sind

Externalisierung Warum für den Narzissten immer die anderen schuld sind

Du sprichst ein konkretes Problem an. Vielleicht hat dein Partner dich vor anderen bloßgestellt, eine Vereinbarung nicht eingehalten oder etwas Verletzendes gesagt. Eigentlich möchtest du nur hören: „Ja, das war nicht in Ordnung. Es tut mir leid.“

Doch wenige Minuten später redet ihr plötzlich nicht mehr darüber, was er getan hat.


Jetzt geht es um deinen Tonfall. Um deine angebliche Empfindlichkeit. Um einen Fehler, den du vor drei Monaten gemacht hast. Um deine Familie, deine Eifersucht oder darum, dass du „immer Streit suchst“.

Am Ende des Gesprächs verteidigst du dich. Und das ursprüngliche Problem ist verschwunden.

Genau hier kann ein psychologischer Mechanismus eine Rolle spielen, der als Externalisierung bezeichnet wird: Eigene Fehler, unangenehme Gefühle oder Verantwortung werden überwiegend außerhalb der eigenen Person verortet. Schuld sind die Umstände, der Partner, die Kollegen, die Eltern oder „die anderen“.

Bei stark narzisstisch geprägten Verhaltensmustern kann diese Tendenz besonders ausgeprägt sein.

Dabei ist wichtig: Nicht jeder Mensch, der anderen die Schuld gibt, ist ein Narzisst. Fast jeder externalisiert gelegentlich Verantwortung, besonders unter Stress.

Eine narzisstische Persönlichkeitsstörung kann außerdem nur professionell diagnostiziert werden. Problematisch wird es dort, wo das Abschieben von Verantwortung zu einem dauerhaften Beziehungsmuster wird.


Externalisierung schützt vor einer unangenehmen Wahrheit

Warum ist es für manche Menschen so schwer zu sagen: „Ich habe einen Fehler gemacht“? Weil ein Fehler nicht nur als einzelnes falsches Verhalten erlebt werden kann.

Für einen psychisch stabilen Menschen können zwei Gedanken gleichzeitig existieren: „Ich habe mich schlecht verhalten“ und „Ich bin trotzdem kein grundsätzlich schlechter Mensch.“

Bei einer sehr fragilen Selbstwertregulation kann diese Trennung schwieriger sein. Kritik wird dann nicht lediglich als Information über ein bestimmtes Verhalten erlebt, sondern als Angriff auf das gesamte Selbstbild.

Aus „Das, was du gesagt hast, hat mich verletzt“ wird innerlich möglicherweise: „Du hältst mich für einen schlechten Menschen.“

Die Reaktion besteht dann nicht unbedingt in Nachdenken, sondern in Verteidigung. Und die schnellste Verteidigung lautet häufig: Nicht ich bin das Problem. Du bist es.

Aus einer Beschwerde wird plötzlich eine Anklage gegen dich

Ein typisches Beispiel: Du sagst: „Du hast gestern vor deinen Freunden etwas über mich erzählt, obwohl ich dich gebeten hatte, das privat zu lassen.“

Eine verantwortungsorientierte Reaktion könnte sein: „Stimmt. Das hätte ich nicht erzählen sollen.“

Bei starker Externalisierung kann das Gespräch anders verlaufen: „Wenn du nicht aus allem ein Geheimnis machen würdest, wäre das gar kein Problem.“

Du antwortest: „Darum geht es nicht. Ich hatte dich ausdrücklich gebeten, es nicht zu erzählen.“

Nun kommt vielleicht: „Du kontrollierst sowieso ständig, was ich sagen darf.“

Innerhalb weniger Sätze bist nicht mehr du die Person, deren Grenze überschritten wurde. Du bist angeblich kontrollierend.

Wenn dieses Muster häufig vorkommt, beginnt der Partner irgendwann, Gespräche mit einer einfachen Frage zu verlassen: Wie bin ich jetzt eigentlich zum Schuldigen geworden?

Die Verantwortung wird verschoben

Externalisierung funktioniert nicht immer durch direkte Schuldzuweisung. Manchmal wird das eigene Verhalten durch das Verhalten des anderen gerechtfertigt.

„Ich habe dich angeschrien, weil du mich provoziert hast.“

„Ich habe gelogen, weil du die Wahrheit sowieso nicht verträgst.“

„Ich habe mich zurückgezogen, weil du zu anstrengend bist.“

„Ich habe dir das verschwiegen, weil du immer überreagierst.“

Auffällig ist die Struktur: Das eigene Verhalten wird dargestellt, als sei es praktisch unvermeidbar gewesen.

Der andere wird zur Ursache.

Natürlich beeinflussen Menschen einander. In Beziehungen können beide Seiten Fehler machen. Trotzdem bleibt jeder Erwachsene für sein eigenes Verhalten verantwortlich.

Ein Konflikt kann erklären, warum jemand wütend war. Er nimmt ihm jedoch nicht automatisch die Verantwortung dafür, wie er mit dieser Wut umgegangen ist.

Externalisierung ist nicht dasselbe wie Projektion

Die Begriffe werden häufig miteinander verwechselt.

Bei der Externalisierung wird die Ursache eines Problems oder die Verantwortung überwiegend außerhalb der eigenen Person gesucht.

Bei der Projektion werden eigene unerwünschte Gefühle, Motive oder Eigenschaften einer anderen Person zugeschrieben. Beides kann gleichzeitig vorkommen.

Ein Mensch, der selbst häufig unehrlich ist, beschuldigt beispielsweise ständig seinen Partner, etwas zu verheimlichen. Gleichzeitig erklärt er seine eigenen Lügen damit, dass der Partner ihn angeblich dazu zwinge.

Dann greifen Projektion und Externalisierung ineinander.

In Beziehungen entsteht eine endlose Verteidigungsschleife

Für den Partner kann dieses Muster enorm erschöpfend sein. Du beginnst ein Gespräch über Problem A. Plötzlich musst du Problem B erklären.

Während du B erklärst, kommt Problem C. Dann wird eine alte Situation hervorgeholt. „Und was war damals an Weihnachten?“

Nun versucht du zu beweisen, dass Weihnachten nichts mit dem aktuellen Problem zu tun hat. Genau dadurch verliert das Gespräch seinen Fokus.

Irgendwann bist du so erschöpft, dass du nur noch möchtest, dass der Streit endet. Vielleicht entschuldigst du dich sogar.

Nicht unbedingt, weil du überzeugt bist, etwas falsch gemacht zu haben, sondern weil du Ruhe möchtest. Das ursprüngliche Verhalten des anderen bleibt unbearbeitet. Und deshalb wiederholt es sich.

„Du bist zu empfindlich“ ist keine Antwort auf jedes Problem

Eine besonders häufige Form der Verantwortungsverschiebung besteht darin, die Reaktion des anderen zum eigentlichen Problem zu machen.

Du sagst: „Das hat mich verletzt.“

Die Antwort lautet: „Du bist zu empfindlich.“

Damit wird nicht mehr untersucht, was gesagt oder getan wurde. Stattdessen wird deine Reaktion bewertet.

Natürlich können Menschen Situationen unterschiedlich empfindlich erleben. Nicht jede Verletzung bedeutet automatisch, dass der andere etwas Schlimmes getan hat.

Trotzdem wäre eine konstruktive Reaktion neugierig: „Was genau hat dich daran verletzt?“

Erst danach kann man darüber sprechen, ob vielleicht ein Missverständnis vorlag.

Wer dagegen jede Rückmeldung mit „Du bist zu empfindlich“ beendet, muss das eigene Verhalten kaum noch überprüfen.

Auch im Beruf sind immer die anderen schuld

Externalisierung zeigt sich nicht nur in Partnerschaften.

Der Chef ist unfair.

Die Kollegen sind neidisch.

Die Kunden sind schwierig.

Der ehemalige Arbeitgeber war unfähig.

Niemand erkennt das eigene Talent.

Natürlich gibt es tatsächlich ungerechte Vorgesetzte, schlechte Arbeitsbedingungen und problematische Kollegen. Entscheidend ist deshalb nicht eine einzelne Beschwerde.

Auffällig wird ein Muster dann, wenn in jeder Geschichte ausschließlich andere verantwortlich sind und die eigene Person niemals einen relevanten Anteil hat.

Ein Mensch kann fünf Arbeitsplätze verlieren und fünf vollkommen unterschiedliche Erklärungen dafür haben – ohne sich einmal zu fragen: „Gibt es vielleicht etwas, das ich selbst immer wieder mitbringe?“

In Familien kann dasselbe Muster entstehen

Auch Eltern können Verantwortung externalisieren. Eine Mutter sagt beispielsweise: „Ich schreie nur, weil ihr Kinder mich wahnsinnig macht.“

Oder ein Vater erklärt: „Wenn ihr besser hören würdet, müsste ich nicht so streng sein.“

Damit bekommen Kinder eine problematische Botschaft: Sie seien verantwortlich für die emotionale Selbstkontrolle des Erwachsenen.

Ein Kind kann daraus lernen: Wenn Mama wütend ist, muss ich etwas falsch gemacht haben. Wenn Papa schlechte Laune hat, muss ich vorsichtiger sein.

So beginnen manche Kinder sehr früh, die Gefühle anderer Menschen zu überwachen.

Warum Entschuldigungen so schwierig werden können

Eine echte Entschuldigung verlangt mehrere Fähigkeiten.

Man muss anerkennen können, dass man etwas falsch gemacht hat. Man muss die unangenehmen Gefühle aushalten, die damit verbunden sind. Und man muss akzeptieren, dass der andere verletzt sein kann, ohne sofort das eigene Selbstbild verteidigen zu müssen.

Genau das kann bei stark narzisstischen Mustern schwierig sein. Deshalb entstehen manchmal Entschuldigungen wie: „Tut mir leid, dass du das so aufgefasst hast.“

Oder: „Es tut mir leid, aber du hast mich wirklich provoziert.“

Formal enthält der Satz eine Entschuldigung. Gleichzeitig wird die Verantwortung wieder zurückgegeben.

Eine verantwortungsvolle Entschuldigung klingt anders: „Ich hätte das nicht sagen sollen. Das war verletzend.“ Kein „aber“ ist nötig.

Was Externalisierung mit dir machen kann

Wenn du lange mit einem Menschen zusammenlebst, der Verantwortung regelmäßig verschiebt, kann sich deine eigene Wahrnehmung verändern.

Du überprüfst ständig deine Worte.

Du erklärst ausführlicher.

Du sammelst Beweise.

Du spielst Gespräche später im Kopf noch einmal durch.

„Habe ich wirklich so aggressiv gesprochen?“

„Vielleicht hätte ich es anders formulieren sollen.“

„War ich tatsächlich unfair?“

Selbstreflexion ist grundsätzlich etwas Gesundes. Problematisch wird sie, wenn nur eine Person ständig reflektiert und die andere grundsätzlich zu dem Ergebnis kommt, dass sie selbst nichts falsch gemacht hat.

Eine Beziehung kann nicht dauerhaft funktionieren, wenn einer immer Richter und der andere immer Angeklagter ist.

Hör auf, über jede Nebensache zu diskutieren

Wenn Verantwortung ständig verschoben wird, hilft es oft wenig, auf jeden neuen Vorwurf einzugehen.

Du sagst: „Wir sprechen gerade darüber, dass du mich vor anderen beleidigt hast.“

Die Antwort lautet: „Aber letzte Woche hast du auch …“

Du kannst sagen:

„Über die Situation von letzter Woche können wir anschließend sprechen. Jetzt möchte ich dieses Thema klären.“

Damit bleibst du beim ursprünglichen Problem.

Das bedeutet nicht, dass deine eigenen Fehler unwichtig sind. Es verhindert lediglich, dass jedes Gespräch in zehn andere Konflikte zerfällt.

Du musst nicht beweisen, dass deine Gefühle berechtigt sind

Ein weiterer wichtiger Schritt besteht darin, nicht endlos über die Berechtigung der eigenen Wahrnehmung zu verhandeln.

„Für mich war dieser Satz verletzend.“

Das ist zunächst eine Information über dein Erleben.

Der andere darf sagen, dass er es nicht so gemeint hat. Aber er kann dir nicht vollständig vorschreiben, wie du etwas erlebt haben musst.

Gleichzeitig solltest auch du offen dafür bleiben, deine eigenen Anteile zu überprüfen. Gesunde Grenzen bedeuten nicht: „Ich habe immer recht.“

Sie bedeuten: „Ich übernehme Verantwortung für meinen Teil – aber nicht automatisch für deinen.“

Veränderung beginnt mit Verantwortung

Menschen können problematische Verhaltensmuster verändern. Dafür müssen sie diese jedoch zunächst als eigene Muster erkennen.

Solange jede gescheiterte Beziehung nur an den Ex-Partnern lag, jeder Arbeitsplatz nur wegen unfähiger Kollegen endete und jeder Konflikt ausschließlich durch die Empfindlichkeit anderer entstand, gibt es kaum einen Grund, das eigene Verhalten zu verändern.

Verantwortung bedeutet dabei nicht Selbstverurteilung.

Sie bedeutet nicht: „Alles ist meine Schuld.“

Sie bedeutet: „Welcher Teil davon gehört zu mir, und was kann ich beim nächsten Mal anders machen?“

Genau diese Frage fehlt bei chronischer Externalisierung häufig.

Du bist nicht für alles verantwortlich, nur weil jemand dir die Schuld gibt

Das ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis für Menschen, die lange mit solchen Dynamiken gelebt haben. Ein Vorwurf ist noch kein Beweis.

Die Wut eines anderen bedeutet nicht automatisch, dass du etwas falsch gemacht hast. Und nur weil jemand seine Entscheidung mit deinem Verhalten begründet, bist du nicht automatisch für diese Entscheidung verantwortlich.

Prüfe deinen Anteil ehrlich. Entschuldige dich, wenn du jemanden verletzt hast. Ändere dein Verhalten, wenn du erkennst, dass du unfair gehandelt hast.

Aber übernimm nicht zusätzlich den Anteil eines anderen Menschen. Denn eine gesunde Beziehung braucht keine Person, die niemals Fehler macht. Sie braucht zwei Menschen, die sagen können: „Das war mein Anteil. Dafür übernehme ich Verantwortung.“

Und genau dort liegt das eigentliche Problem chronischer Externalisierung: Solange die Ursache immer draußen liegt, muss sich innen nichts verändern.

Author

  • Melina Lauer Fuchs

    Ich bin Melina, Autorin dieses Textes. Mit meinen Worten möchte ich berühren, aufrütteln und zum Nachdenken anregen. Themen wie emotionale Verletzungen, familiäre Muster und inneres Wachstum begleiten mich seit vielen Jahren – beruflich wie persönlich. Wenn du dich in meinen Zeilen wiederfindest, dann weißt du: Du bist nicht allein.

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