Narzisst, wenn du krank bist: Warum er kalt wird, sobald du Hilfe brauchst
Du lebst mit einem Menschen zusammen, den du liebst. Vielleicht bist du seit vielen Jahren mit ihm verheiratet, vielleicht habt ihr gemeinsame Kinder und ein Zuhause aufgebaut. Du kennst seine Gewohnheiten, seine Lieblingsgerichte, seine Sorgen und seine schlechten Tage. Du weißt, wann er seine Ruhe braucht, wann er aufmunternde Worte hören möchte und wann du ihm besser nicht widersprichst.
Doch manchmal fragst du dich, ob er dich überhaupt auf dieselbe Weise liebt.
Nicht unbedingt, weil er dir nie sagt, dass er dich liebt. Vielleicht sagt er es sogar regelmäßig. Aber zwischen seinen Worten und seinem Verhalten liegt eine Distanz, die du immer deutlicher spürst.
Besonders auffällig wird sie, wenn du krank bist.
Du wachst morgens auf, deine Nase ist verstopft, du hustest, niest und hast so starke Kopfschmerzen, dass du kaum die Augen offen halten kannst. Du sagst ihm, dass du dich schrecklich fühlst.
Er antwortet: „Das kommt davon, dass du ständig barfuß herumläufst.“ Dann nimmt er seine Schlüssel und fährt zur Arbeit.
Während du den ganzen Tag krank zu Hause liegst, meldet er sich kein einziges Mal. Er fragt nicht, ob du Fieber hast, ob du etwas gegessen hast oder ob er dir Medikamente mitbringen soll.
Am Abend kommt er nach Hause und beginnt sofort zu erzählen. Sein Chef hat ihn geärgert, ein Kollege war unfähig und überhaupt war der ganze Tag eine Katastrophe.
Du sitzt mit einer Decke auf dem Sofa und hörst zu.
Als er schließlich bemerkt, dass es dir noch immer schlecht geht, sagt er: „Ruf doch deine Mutter oder deine Schwester an. Ich habe heute Abend etwas vor.“
Und geht.
Vielleicht weinst du nicht einmal mehr. Vielleicht bist du dieses Verhalten längst gewohnt.
Doch tief in deinem Inneren entsteht eine Frage, die du dir schon viel zu oft gestellt hast: Warum muss ich mich um ihn kümmern, wenn es ihm schlecht geht, während ich für ihn unsichtbar werde, sobald ich selbst Hilfe brauche?
Ein narzisstischer Partner liebt häufig die Fürsorge, die er bekommt – aber nicht die Verantwortung, die damit verbunden ist
In einer gesunden Beziehung gehört gegenseitige Unterstützung zum gemeinsamen Leben.
Es gibt Tage, an denen einer mehr Kraft hat und der andere weniger. Manchmal ist einer krank, manchmal der andere. Diese Unterschiede werden nicht gegeneinander aufgerechnet.
In manchen Beziehungen mit ausgeprägten narzisstischen Verhaltensmustern sieht das anders aus. Dort entsteht häufig eine feste Rollenverteilung: Ein Mensch gibt, der andere nimmt.
Der eine kümmert sich um den Alltag, hört zu, organisiert, tröstet und versucht, die Stimmung des Partners zu verbessern.
Der andere gewöhnt sich daran, dass seine Bedürfnisse Vorrang haben.
Solange du gesund bist und alles erledigst, wird dieses Ungleichgewicht möglicherweise kaum angesprochen.
Doch deine Krankheit verändert die Situation.
Du kannst plötzlich nicht mehr so viel geben. Du brauchst selbst Aufmerksamkeit, Unterstützung und Rücksichtnahme.
Damit gerät eine Beziehung ins Wanken, in der Fürsorge bisher überwiegend in eine Richtung geflossen ist.
Warum deine Krankheit für ihn wie eine Störung wirkt
Manche Menschen mit stark narzisstischen Eigenschaften nehmen die Bedürfnisse anderer vor allem dann wahr, wenn diese ihre eigenen Pläne nicht beeinträchtigen.
Deine Erkältung ist für ihn vielleicht zunächst nur ärgerlich, weil das Abendessen später fertig wird.
Deine Rückenschmerzen stören ihn, weil du nicht mit zum geplanten Besuch kommen kannst.
Deine Erschöpfung nervt ihn, weil du keine Lust hast, ihm eine Stunde lang bei seinen Problemen zuzuhören.
Anstatt dich zu fragen, wie es dir geht, macht er dir Vorwürfe und gibt dir sogar die Schuld daran, dass du krank geworden bist.
Das kann mit einer stark selbstbezogenen Sichtweise und geringer Bereitschaft zusammenhängen, eigene Wünsche zurückzustellen.
Wenn er dich für deine Krankheit verantwortlich macht
„Du ziehst dich eben nie warm genug an.“
„Du passt überhaupt nicht auf dich auf.“
„Du bist ständig krank.“
Mit solchen Sätzen verschiebt sich das Gespräch.
Eigentlich hast du deinem Partner mitgeteilt, dass es dir schlecht geht. Doch plötzlich geht es nicht mehr darum, was du brauchst, sondern darum, was du angeblich falsch gemacht hast.
Du sollst dich erklären, rechtfertigen und vielleicht sogar entschuldigen.
Psychologisch betrachtet kann eine solche Reaktion dazu dienen, unangenehme Verantwortung abzuwehren.
Wer die Krankheit des Partners ausschließlich als dessen eigenes Verschulden betrachtet, muss sich weniger mit dessen Hilfsbedürftigkeit auseinandersetzen.
Für dich entsteht jedoch das Gefühl, selbst an deiner fehlenden Unterstützung schuld zu sein. Und genau das kann langfristig dein Selbstwertgefühl belasten.
Warum er selbst bei einer Kleinigkeit viel Aufmerksamkeit erwartet
Vielleicht kennst du auch die andere Seite.
Wenn dein Partner Kopfschmerzen hat, sollst du leise sein. Wenn er erkältet ist, erwartet er Tee, Medikamente und ein warmes Essen.
Er möchte, dass du nach ihm schaust und Verständnis für seine schlechte Laune hast.
Du tust das vielleicht ganz selbstverständlich, weil du ihn liebst. Doch sobald du selbst krank bist, scheint diese Selbstverständlichkeit zu verschwinden.
Dann heißt es, du würdest übertreiben oder zu viel verlangen. Dieses Verhalten zeigt ein Ungleichgewicht in der gegenseitigen Fürsorge.
Der eigene Schmerz wird ernst genommen, der Schmerz des anderen heruntergespielt. Ein solches Muster kann Ausdruck eines ausgeprägten Anspruchsdenkens sein.
Die gefährlichste Folge: Du gewöhnst dich daran, nichts mehr zu erwarten
Am Anfang bist du vielleicht noch enttäuscht.
Du hoffst, dass er beim nächsten Mal aufmerksamer sein wird. Du erklärst ihm, wie sehr dich sein Verhalten verletzt.
Doch wenn sich nichts verändert, passt du dich möglicherweise an. Du hörst auf, ihn um Hilfe zu bitten.
Du gehst allein zum Arzt, obwohl du dich kaum wohlfühlst. Du besorgst deine Medikamente selbst. Du stehst trotz Schmerzen auf, um den Haushalt zu erledigen.
Vielleicht erzählst du ihm nicht einmal mehr, wenn du krank bist. Von außen könnte das wie Selbstständigkeit aussehen. Doch manchmal steckt dahinter die Erfahrung, dass jede Bitte um Hilfe mit Ablehnung verbunden war.
So entsteht eine besondere Form der Einsamkeit: Du teilst dein Zuhause mit jemandem, fühlst dich aber in schwierigen Momenten vollkommen auf dich allein gestellt.
Warum du trotzdem immer wieder auf seine Liebe hoffst
Vielleicht erinnerst du dich an den Anfang eurer Beziehung.
Damals war er aufmerksam, liebevoll und interessiert. Vielleicht hat er dir das Gefühl gegeben, der wichtigste Mensch in seinem Leben zu sein.
Diese Erinnerungen machen es schwer, seine heutige Gleichgültigkeit zu akzeptieren. Du hoffst, dass dieser frühere Mensch irgendwann zurückkommt.
Vielleicht denkst du, du müsstest nur geduldiger sein, weniger erwarten oder deine Wünsche verständlicher erklären.
Doch die Fähigkeit zur Fürsorge entsteht nicht dadurch, dass du deine eigenen Bedürfnisse immer kleiner machst.
Ein Mensch kann lernen, rücksichtsvoller zu werden. Dafür muss er jedoch selbst bereit sein, sein Verhalten zu erkennen und Verantwortung zu übernehmen.
Was du tun kannst, wenn du während deiner Krankheit allein gelassen wirst
Nimm zunächst deine eigenen Beschwerden ernst. Du musst nicht darauf warten, dass dein Partner bestätigt, wie schlecht es dir geht.
Wenn du Ruhe brauchst, ruhe dich aus. Wenn du medizinische Hilfe benötigst, nimm sie in Anspruch. Sprich deine Bedürfnisse klar aus, ohne dich dafür zu entschuldigen.
Du kannst beispielsweise sagen: „Mir geht es heute nicht gut. Ich brauche Ruhe und möchte, dass du das Abendessen übernimmst.“
Beobachte anschließend nicht nur seine Worte, sondern sein tatsächliches Verhalten.
Wenn er wiederholt jede Unterstützung verweigert, solltest du dir überlegen, welche anderen Menschen dir in schwierigen Situationen zur Seite stehen können.
Freunde, Familie und andere vertraute Personen können wichtige Unterstützung bieten.
Und vor allem: Versuche nicht, dir seine Fürsorge dadurch zu verdienen, dass du selbst immer mehr leistest.
Liebe bedeutet nicht, dass du immer stark sein musst
Vielleicht ist das Traurigste an einer solchen Beziehung, dass du irgendwann glaubst, nur dann liebenswert zu sein, wenn du funktionierst.
Wenn du kochst, arbeitest, putzt, zuhörst und dich um alles kümmerst, scheint dein Partner zufrieden zu sein.
Doch sobald du müde wirst, Schmerzen hast oder Unterstützung brauchst, verändert sich seine Stimmung.
Dann fühlst du dich plötzlich wie eine Belastung.
Dabei ist eine Partnerschaft kein Arbeitsvertrag, bei dem Zuwendung nur so lange gewährt wird, wie du deine Aufgaben erfüllst.
Du bist ein Mensch mit Gefühlen, Bedürfnissen und körperlichen Grenzen.
Du darfst krank werden, ohne Schuldgefühle zu haben.
Du darfst Hilfe benötigen, ohne dich dafür zu schämen.
Und du darfst erwarten, dass der Mensch, mit dem du dein Leben teilst, dein Befinden ernst nimmt.
Denn manchmal erkennt man Liebe nicht an großen Geschenken oder romantischen Worten, sondern an einer ganz einfachen Frage: „Du siehst heute gar nicht gut aus. Was kann ich für dich tun?“
Wenn diese Frage in deiner Beziehung über Jahre hinweg ausbleibt, obwohl du sie selbst unzählige Male gestellt hast, dann geht es längst nicht mehr um eine Erkältung.
Dann geht es um die Frage, ob in dieser Beziehung auch Platz für dich ist – nicht nur für das, was du gibst, sondern auch für das, was du brauchst.






