Ein Narzisst ist nett – bis er bekommt, was er will

Ein Narzisst ist nett – bis er bekommt, was er will

Man sagt oft, dass das verflixte siebte Jahr eine Beziehung verändert. Früher habe ich darüber gelächelt. Heute glaube ich, dass an diesem Spruch mehr Wahrheit steckt, als ich jemals gedacht hätte. Denn genau im siebten Jahr ist bei uns alles zerbrochen.

Nicht an einem einzigen Tag. Nicht wegen eines großen Streits. Sondern weil ich endlich angefangen habe, die vergangenen Jahre mit offenen Augen zu sehen.


Wenn ich heute an den Anfang unserer Beziehung zurückdenke, frage ich mich oft, warum ich so vieles nicht erkannt habe. Wahrscheinlich war ich verliebt.

Wahrscheinlich wollte ich glauben, dass ich endlich den Mann gefunden hatte, mit dem ich alt werden würde. Vielleicht waren es genau diese berühmten rosaroten Brillen, von denen alle sprechen.

Am Anfang war er einfach wundervoll. Er schrieb mir ständig, überraschte mich mit kleinen Aufmerksamkeiten und sagte Dinge, die jede Frau hören möchte.

Er schaute mich an, als wäre ich die einzige Frau auf der Welt. Er sagte, ich sei etwas ganz Besonderes. Dass ich anders sei als alle Frauen vor mir. Ich fühlte mich gesehen. Geliebt. Endlich angekommen.

Damals dachte ich, das sei Liebe.Heute weiß ich, dass es wahrscheinlich nur die erste Phase war.

Irgendwann änderte sich etwas. Nicht plötzlich. Ganz langsam. So langsam, dass ich es kaum bemerkte.

Als hätte er das Gefühl gehabt, mich inzwischen gewonnen zu haben.

Auf einmal bestimmte er immer häufiger, wohin wir gingen. Welche Freunde wir trafen. Welche Einladungen wir annahmen. Er hatte zu allem eine Meinung. Anfangs empfand ich das sogar als Fürsorge. Ich dachte, er wolle einfach unser Leben planen.

Wenn ich mich mit einer Freundin treffen wollte, fragte er: „Muss das heute wirklich sein?“

Wenn ich etwas alleine unternehmen wollte, sagte er: „Warum willst du ohne mich gehen?“

Wenn ich jemanden sympathisch fand, fand er plötzlich tausend Gründe, warum dieser Mensch nicht gut für mich sei.

Und ich hörte auf ihn. Nicht weil ich musste. Sondern weil ich glaubte, dass Liebe eben bedeutet, Kompromisse zu machen.

Heute erkenne ich, dass ich Stück für Stück immer weniger Entscheidungen selbst getroffen habe. Ich bemerkte es nicht einmal.

Denn jedes Mal, wenn ich etwas aufgab, bekam ich danach wieder seine liebevolle Seite zu sehen. Er war wieder aufmerksam. Wieder charmant. Wieder der Mann, in den ich mich verliebt hatte.

Genau das hielt mich fest.

Die ersten drei Jahre unserer Beziehung waren ein ständiges Auf und Ab. Gute Tage wechselten sich mit Tagen ab, an denen ich das Gefühl hatte, alles falsch zu machen. Ich wusste morgens nie, welcher Mann mir abends begegnen würde.

Der liebevolle? Oder der kalte?

Ich begann immer mehr darüber nachzudenken, wie ich Streit vermeiden könnte. Ich überlegte jedes Wort zweimal. Ich entschuldigte mich oft, obwohl ich gar nicht wusste, wofür eigentlich.

Irgendwann hatte ich das Gefühl, ständig auf Eierschalen zu laufen. Nach ungefähr drei Jahren wurde alles noch intensiver. Die Streitigkeiten wurden heftiger.

Es gab Trennungen. Dann kam wieder sein Anruf.

Seine Nachrichten.

Seine Tränen.

Seine Versprechen.

Er sagte, diesmal würde alles anders werden.

Dass er verstanden habe.

Dass er ohne mich nicht leben könne. Und jedes Mal glaubte ich ihm.

Jedes Mal begann unsere Geschichte wieder von vorne.

Heute frage ich mich, warum ich immer geblieben bin. Vielleicht, weil ich nicht den Mann verlassen wollte, der mich verletzte.

Sondern den Mann, der am Anfang so liebevoll gewesen war. Ich wartete jahrelang darauf, dass genau dieser Mann zurückkommt.

Doch irgendwann musste ich akzeptieren, dass dieser Mann vielleicht nie wirklich existiert hat.

Mit jedem Jahr wurde ich kleiner.

Ich lachte weniger.

Ich traf immer seltener Menschen.

Ich erklärte sein Verhalten vor meiner Familie.

Ich entschuldigte ihn vor meinen Freunden.

Ich entschuldigte ihn sogar vor mir selbst.

Irgendwann konnte ich mich selbst kaum noch wiedererkennen.

Das Schlimmste war nicht einmal sein Verhalten. Das Schlimmste war, dass ich irgendwann glaubte, ich sei das Problem.

Dass ich empfindlich sei. Zu anspruchsvoll. Zu schwierig.

Genau das passiert, wenn man jahrelang mit einem Menschen lebt, der dir immer wieder vermittelt, dass deine Gefühle falsch sind.

Im siebten Jahr fiel plötzlich alles wie ein Kartenhaus zusammen. Nicht weil er sich verändert hatte. Sondern weil ich mich verändert hatte.

Zum ersten Mal hörte ich auf, Ausreden für ihn zu finden.

Zum ersten Mal fragte ich mich nicht mehr, warum er so war.

Ich fragte mich endlich, warum ich all das so lange ausgehalten hatte. Diese Frage tat weh. Aber sie war gleichzeitig der Anfang meiner Heilung.

Heute weiß ich, dass Freundlichkeit allein kein Beweis für Liebe ist. Auch Aufmerksamkeit ist kein Beweis.

Selbst große Worte bedeuten nichts, wenn sie nur so lange gelten, bis jemand bekommen hat, was er wollte.

Ein Mensch, der dich wirklich liebt, behandelt dich nicht nur am Anfang gut. Er behandelt dich auch dann mit Respekt, wenn der Alltag beginnt.

Wenn Meinungsverschiedenheiten entstehen. Wenn die erste Verliebtheit vergangen ist.

Liebe zeigt sich nicht in den ersten Monaten. Sie zeigt sich in den Jahren danach.

Heute schaue ich auf diese sieben Jahre nicht mehr nur mit Trauer zurück. Sie haben mich etwas gelehrt, das ich nie wieder vergessen werde:

Ein Narzisst ist oft genau so lange nett, bis er sich sicher ist, dass du bleibst. Erst danach zeigt sich, wer er wirklich ist.

Und wenn ich heute einer Frau begegnen würde, die genau dort steht, wo ich damals stand, würde ich ihr nur einen Satz sagen:

Verliebe dich niemals nur in den Menschen, der jemand am Anfang einer Beziehung ist. Beobachte vor allem den Menschen, der er wird, sobald er glaubt, dich nicht mehr verlieren zu können.


Author

  • Melina Lauer Fuchs

    Ich bin Melina, Autorin dieses Textes. Mit meinen Worten möchte ich berühren, aufrütteln und zum Nachdenken anregen. Themen wie emotionale Verletzungen, familiäre Muster und inneres Wachstum begleiten mich seit vielen Jahren – beruflich wie persönlich. Wenn du dich in meinen Zeilen wiederfindest, dann weißt du: Du bist nicht allein.

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