Fluchtratten – die falschen Freunde des Narzissten

Fluchtratten – die falschen Freunde des Narzissten

Manchmal erkennt ein Narzisst den anderen früher als alle anderen.

Nicht unbedingt, weil er besonders feinfühlig ist. Nicht weil er plötzlich mehr Empathie besitzt als die Menschen um ihn herum. Sondern möglicherweise deshalb, weil ihm bestimmte Verhaltensweisen erstaunlich vertraut vorkommen.


Er erkennt das Bedürfnis nach Bewunderung. Er bemerkt den Kampf um Aufmerksamkeit. Er versteht, warum jemand eine Geschichte so erzählt, dass er selbst immer besser dasteht. Und manchmal erkennt er auch sehr früh, wann Charme nicht nur Charme ist, sondern einem bestimmten Zweck dient.

Das macht solche Beziehungen besonders interessant.

Denn nicht jeder Mensch im Umfeld eines Narzissten ist ein ahnungsloser Mitläufer. Nicht jeder glaubt alles, was ihm erzählt wird. Und nicht jeder sogenannte Freund ist tatsächlich loyal.

Manche wissen ziemlich genau, mit wem sie es zu tun haben.

Und bleiben trotzdem.


Zwei Menschen, die voneinander profitieren

Wenn zwei Menschen mit ausgeprägten narzisstischen Zügen aufeinandertreffen, muss daraus nicht sofort ein Konflikt entstehen. Im Gegenteil: Anfangs können sie sich hervorragend verstehen.

Der eine bewundert den Erfolg des anderen. Der andere genießt dessen Kontakte. Beide mögen vielleicht Aufmerksamkeit, gesellschaftlichen Einfluss, Anerkennung oder das Gefühl, zu den „Besonderen“ zu gehören.

Sie können gemeinsam lachen, feiern und sich gegenseitig öffentlich loben.

Von außen sieht das nach einer außergewöhnlich starken Freundschaft aus. Doch manchmal ist es weniger Freundschaft als eine Allianz. Unausgesprochen lautet die Vereinbarung:

Du stärkst mein Bild – ich stärke deins.

Solange dieses Gleichgewicht funktioniert, gibt es keinen Grund zu gehen. Problematisch wird es erst, wenn einer mehr möchte.

Mehr Aufmerksamkeit.

Mehr Kontrolle.

Mehr Bewunderung.

Mehr Einfluss.

Plötzlich reicht die Bühne nicht mehr für zwei Hauptdarsteller.

Der Moment, in dem einer den anderen durchschaut

Ein Mensch, der selbst manipulativ mit Beziehungen umgeht, kann bestimmte Strategien eines anderen manchmal schnell erkennen.

Er hört eine Geschichte und bemerkt, welche Informationen ausgelassen wurden.

Er sieht, wie jemand unterschiedliche Menschen unterschiedlich behandelt.

Er erkennt Schmeichelei, Konkurrenz oder strategische Nähe.

Vielleicht denkt er sogar: „Ich weiß genau, was du gerade versuchst.“

Doch daraus folgt nicht automatisch moralische Empörung. Das ist ein entscheidender Punkt.

Jemand kann Manipulation erkennen und sie trotzdem akzeptieren – solange sie nicht gegen ihn selbst gerichtet ist.

Er kann beobachten, wie andere abgewertet werden, und schweigen.

Er kann wissen, dass Geschichten übertrieben sind, und trotzdem zustimmen.

Er kann sogar dabei helfen, andere auszugrenzen.

Warum?

Weil er momentan davon profitiert.

Falsche Freunde bleiben, solange die Rechnung stimmt

Hier kommt das Bild der „Fluchtratten“ ins Spiel.

Es ist keine psychologische Fachbezeichnung und sollte auch nicht als solche verstanden werden. Es beschreibt vielmehr jene falschen Freunde, deren Loyalität erstaunlich schnell verschwindet, sobald eine Beziehung keinen Vorteil mehr bietet.

Solange der Narzisst erfolgreich ist, sind sie da.

Solange er Einfluss besitzt, sind sie da.

Solange andere zu ihm aufschauen, sind sie da.

Solange er ihnen Aufmerksamkeit, Informationen, Kontakte oder gesellschaftliche Bedeutung gibt, sind sie da.

Sie verteidigen ihn möglicherweise sogar leidenschaftlich. Doch dann verändert sich etwas. Der Narzisst wird durchschaut. Seine Geschichten werden hinterfragt.

Menschen beginnen miteinander zu sprechen und entdecken Widersprüche.

Sein Einfluss nimmt ab.

Vielleicht verliert er Geld, Status, Beziehungen oder seine Position innerhalb einer Gruppe.

Und plötzlich beginnen einige seiner treuesten Freunde zu rechnen.

Nicht mit Zahlen.

Mit Risiken.

Was passiert mit mir, wenn ich weiterhin neben ihm stehe?

Dann verlassen sogar Narzissten den Narzissten

Gerade Menschen mit eigenen stark narzisstischen Zügen können in einem solchen Moment erstaunlich konsequent sein.

Denn warum sollten sie ihre eigene Position für jemanden gefährden, dessen Position gerade zusammenbricht?

Loyalität ist für sie möglicherweise wichtig, solange sie von anderen verlangt wird. Wenn sie selbst etwas dafür opfern müssten, sieht die Sache anders aus.

Gestern waren sie unzertrennlich. Heute haben sie kaum noch Kontakt. Und morgen hört man vielleicht:

„Eigentlich wusste ich schon immer, wie er ist.“

Genau dieser Satz ist interessant. Denn vielleicht stimmt er sogar.

Vielleicht hat diese Person den Narzissten tatsächlich früher durchschaut als viele andere.

Dann lautet die wichtigere Frage allerdings:

Wenn du es schon immer wusstest – warum bist du geblieben?

Die Antwort darauf verrät häufig mehr als jede Geschichte über den Narzissten.

Manche verlassen ihn nicht, weil er schlecht behandelt – sondern weil er verliert

Das ist der große Unterschied zwischen einem Menschen, der Grenzen setzt, und einer metaphorischen „Fluchtratte“.

Ein Mensch, der eine schädliche Beziehung erkennt, kann irgendwann sagen: „So möchte ich nicht mehr behandelt werden.“

Er geht möglicherweise nach Jahren des Zweifelns, Hoffens und Versuchens.

Eine Fluchtratte funktioniert anders. Sie kann jahrelang problemlos mit problematischem Verhalten leben, solange es andere trifft.

Erst wenn der eigene Vorteil verschwindet, wird aus Toleranz plötzlich Distanz.

Nicht: „Ich möchte dieses Verhalten nicht mehr unterstützen.“

Sondern: „Ich möchte nicht mit untergehen.“

Das sind zwei völlig unterschiedliche Motive.

Aus besten Freunden werden plötzlich erbitterte Gegner

Wenn eine solche Allianz zerbricht, kann es besonders hässlich werden. Denn beide kennen einander.

Sie kennen Geheimnisse.

Sie kennen Schwachstellen.

Sie wissen, welche Geschichten stimmen und welche möglicherweise ausgeschmückt wurden.

Sie wissen, wer mit wem gestritten hat und was hinter verschlossenen Türen gesagt wurde.

Und plötzlich werden genau diese Informationen zu Waffen. Der ehemalige Freund erzählt Dinge, die er jahrelang verschwiegen hat. Der andere schlägt zurück.

Private Gespräche werden öffentlich.

Gemeinsame Bekannte müssen sich entscheiden. Und beide versuchen möglicherweise, als Erste die Deutung darüber zu kontrollieren, was eigentlich passiert ist.

Das ist keine Aufarbeitung. Das kann ein Machtkampf sein.

Der ehemalige Verbündete wird zum „Aufklärer“

Besonders vorsichtig sollte man werden, wenn ein Mensch nach Jahren der Unterstützung plötzlich so tut, als sei er immer derjenige gewesen, der alles erkannt habe.

Er erzählt nun jedem, wie manipulativ der ehemalige Freund gewesen sei.

Vielleicht erzählt er dabei sogar wahre Dinge.

Doch Wahrheit und Motivation sind zwei unterschiedliche Fragen.

Auch wahre Informationen können benutzt werden, um einen Menschen zu zerstören, sich selbst besser darzustellen oder Verantwortung für das eigene Verhalten zu vermeiden.

Deshalb ist eine andere Frage wichtiger:

Was sagt diese Person über ihre eigene Rolle?

Sagt sie:

„Ich habe mitgemacht.“

„Ich habe Menschen geglaubt, ohne nachzufragen.“

„Ich habe Dinge weitererzählt.“

„Ich habe jemanden verteidigt, obwohl ich Zweifel hatte.“

„Das war falsch.“

Dann kann tatsächlich Einsicht entstanden sein.

Oder lautet die Geschichte plötzlich:

„Ich hatte damit überhaupt nichts zu tun.“

„Ich wusste sowieso alles.“

„Ich war eigentlich auch sein Opfer.“

Obwohl dieselbe Person jahrelang aktiv mitgemacht hat?

Dann lohnt sich Vorsicht.

Nicht jeder, der den Narzissten verlässt, ist automatisch auf deiner Seite

Das ist besonders wichtig für Menschen, die vorher Ziel dieser Gruppe waren.

Wenn ehemalige Freunde des Narzissten plötzlich Kontakt suchen, kann das unglaublich befriedigend wirken.

Endlich sagen sie: „Jetzt verstehe ich dich.“

Doch du musst niemandem sofort vertrauen, nur weil ihr inzwischen denselben Gegner habt. Ein gemeinsamer Gegner macht aus zwei Menschen noch keine Freunde.

Beobachte vielmehr, ob jemand Verantwortung übernimmt.

Kann diese Person Fehler eingestehen?

Kann sie sich entschuldigen?

Respektiert sie deine Grenzen?

Oder bringt sie dir lediglich neue Geschichten über den Narzissten und erwartet dafür sofort Nähe und Vertrauen?

Manchmal hat sich nämlich nicht das Beziehungsmuster verändert. Nur die Person, gegen die es gerichtet wird.

Und manchmal bekommt der Narzisst seine eigene Medizin

Darin liegt eine gewisse Ironie.

Ein Mensch kann jahrelang ein Umfeld schaffen, in dem Loyalität von Nutzen abhängt, Menschen gegeneinander ausgespielt werden und Zugehörigkeit davon abhängt, wer gerade auf der „richtigen“ Seite steht.

Doch irgendwann kann genau dieses System gegen ihn arbeiten. Die Menschen, die gemeinsam mit ihm über andere gelacht haben, lachen plötzlich ohne ihn.

Diejenigen, denen er Geheimnisse über andere erzählt hat, erzählen nun seine Geheimnisse.

Die Menschen, die ihm versicherten, niemals zu gehen, verschwinden genau dann, wenn er sie am meisten brauchen würde.

Und vielleicht trifft ihn das besonders hart.

Denn er hielt ihre Anwesenheit möglicherweise für Bewunderung und Loyalität. Dabei war sie manchmal nur ein Geschäft.

Die gefährlichste Fluchtratte ist vielleicht die, die das Spiel selbst kennt

Nicht jeder falsche Freund eines Narzissten ist selbst narzisstisch. Eine solche Ferndiagnose wäre unseriös.

Menschen können aus Angst, Unsicherheit, Gruppendruck, Bequemlichkeit oder persönlichem Vorteil lange in problematischen Freundschaften bleiben.

Aber es gibt durchaus Menschen mit ähnlichen manipulativen, egozentrischen oder stark konkurrenzorientierten Verhaltensmustern.

Und gerade sie können manchmal erstaunlich schnell merken, wann sich die Machtverhältnisse verändern.

Sie warten nicht unbedingt darauf, dass das Schiff vollständig sinkt.

Sie springen vorher. Vielleicht haben sie längst ein anderes vorbereitet.

Deshalb erkennt man einen echten Freund nicht daran, wie laut er jemanden verteidigt, solange dieser mächtig ist.

Man erkennt ihn daran, ob er ehrlich sein kann, wenn Ehrlichkeit etwas kostet.

Und manchmal ist die wichtigste Erkenntnis über die falschen Freunde eines Narzissten deshalb nicht, dass sie ihn irgendwann verlassen.

Sondern dass einige von ihnen die ganze Zeit wussten, mit wem sie es zu tun hatten.

Sie gingen erst, als das Spiel für sie selbst nicht mehr funktionierte.

Manchmal erkennt ein Narzisst den anderen tatsächlich früher als alle anderen – nicht weil er das Spiel hasst, sondern weil er die Regeln bereits kennt.

Author

  • Melina Lauer Fuchs

    Ich bin Melina, Autorin dieses Textes. Mit meinen Worten möchte ich berühren, aufrütteln und zum Nachdenken anregen. Themen wie emotionale Verletzungen, familiäre Muster und inneres Wachstum begleiten mich seit vielen Jahren – beruflich wie persönlich. Wenn du dich in meinen Zeilen wiederfindest, dann weißt du: Du bist nicht allein.

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