Flying Monkeys des Narzissten: Wenn er andere gegen dich einspannt
Manchmal endet eine schwierige Beziehung nicht mit der Trennung. Der Partner ist vielleicht nicht mehr in deinem Leben, doch plötzlich tauchen andere Menschen auf, die für ihn sprechen.
Eine Freundin ruft an und sagt: „Du solltest ihm wenigstens noch eine Chance geben.“
Seine Mutter schreibt: „Er hat wegen dir seit Tagen nicht geschlafen.“
Ein gemeinsamer Bekannter fragt auffällig beiläufig: „Hast du eigentlich schon jemand Neues?“
Oder du erfährst, dass Menschen, die bei euren Konflikten niemals dabei waren, plötzlich ganz genau zu wissen glauben, was zwischen euch passiert ist.
Und merkwürdigerweise bist in dieser Geschichte du diejenige, die kalt, undankbar, schwierig oder herzlos gewesen sein soll.
Du hast den Kontakt zu einem Menschen beendet – und plötzlich hast du das Gefühl, dich vor einem ganzen Kreis von Menschen rechtfertigen zu müssen.
Genau in diesem Zusammenhang wird häufig der Begriff „Flying Monkeys“ verwendet.
Was bedeutet „Flying Monkeys“ überhaupt?
Der Ausdruck stammt aus Der Zauberer von Oz. Dort schickt die böse Hexe ihre geflügelten Affen los, damit sie Aufgaben für sie erledigen.
In der heutigen populärpsychologischen Sprache wird dieser Ausdruck für Menschen benutzt, die sich – bewusst oder unbewusst – in den Konflikt eines manipulativen Menschen hineinziehen lassen und anschließend in dessen Interesse handeln.
Der Begriff ist keine psychologische Diagnose. Und ein „Flying Monkey“ muss keineswegs ein grundsätzlich schlechter Mensch sein.
Genau das macht die Sache kompliziert. Manche Menschen manipulieren tatsächlich bewusst mit. Andere glauben ernsthaft, sie würden helfen.
Es beginnt oft mit einer Geschichte
Stell dir eine Beziehung vor, die jahrelang schwierig war.
Du wurdest vielleicht immer wieder abgewertet. Deine Grenzen wurden ignoriert. Nach Konflikten gab es tagelanges Schweigen. Du hast hundertmal versucht zu erklären, was dich verletzt.
Irgendwann gehst du.
Was erzählt dein ehemaliger Partner anderen?
Vielleicht nicht: „Sie hat mich zwei Jahre lang gebeten, mein Verhalten zu ändern.“
Sondern: „Sie hat mich einfach verlassen.“
Vielleicht nicht: „Ich habe sie regelmäßig beleidigt.“
Sondern: „Man konnte ihr überhaupt nichts mehr sagen.“
Vielleicht nicht: „Sie hat den Kontakt beendet, weil jedes Gespräch wieder eskalierte.“
Sondern: „Sie blockiert mich und lässt mich nicht einmal erklären, was passiert ist.“
Damit verändert sich die Perspektive vollkommen. Menschen, die nur diese Version hören, können tatsächlich glauben, dass du ungerecht handelst.
Und plötzlich kommen die Vermittler
„Könnt ihr euch nicht einfach zusammensetzen?“
„Er möchte sich doch nur entschuldigen.“
„Du musst auch seine Seite verstehen.“
Vielleicht möchtest du zunächst erklären, warum du keinen Kontakt möchtest.
Also erzählst du etwas mehr.
Dann erfährst du wenige Stunden später, dass dein Ex-Partner genau weiß, was du gesagt hast.
Du merkst: Diese Person war nicht nur Vermittler. Sie war gleichzeitig Informationsquelle.
Das ist eine typische Funktion, die sogenannte Flying Monkeys übernehmen können.
Warum setzt ein narzisstisch geprägter Mensch andere ein?
Ein wichtiger Grund kann sein, dass der direkte Zugang zu dir nicht mehr funktioniert. Vielleicht hast du seine Nummer blockiert.
Du reagierst nicht mehr auf Nachrichten.
Du hast aufgehört, dich zu rechtfertigen.
Du möchtest einfach deine Ruhe.
Damit geht möglicherweise etwas verloren, das vorher selbstverständlich war: deine Aufmerksamkeit.
Doch wenn er dich nicht direkt erreichen kann, kann er möglicherweise über andere Menschen weiterhin in deinem Leben präsent bleiben.
Er muss dir gar nicht selbst schreiben.
Es reicht, wenn jemand sagt: „Übrigens, er hat gestern über dich gesprochen.“ Schon denkst du wieder an ihn.
Flying Monkeys können Schuldgefühle erzeugen
Besonders wirkungsvoll ist das bei Menschen, die ohnehin sehr empathisch sind. Eine gemeinsame Freundin sagt: „Er ist wirklich am Boden.“
Und sofort denkst du: Bin ich schuld?
Seine Schwester sagt: „Ich habe meinen Bruder noch nie so gesehen.“
Und plötzlich fragst du dich: War die Trennung vielleicht zu hart?
Dabei wird etwas Entscheidendes vergessen:
Du hast möglicherweise nicht deshalb Schluss gemacht, weil du wolltest, dass der andere leidet.
Du hast Schluss gemacht, weil du selbst nicht mehr so weiterleben konntest.
Der Schmerz eines anderen macht deine Grenze nicht automatisch falsch.
Manchmal werden Flying Monkeys zu Detektiven
Nicht immer geht es darum, dich zurückzubringen. Manchmal geht es um Informationen.
Eine Bekannte schreibt: „Wie geht es dir eigentlich inzwischen?“
Dann: „Gehst du noch in dieses Fitnessstudio?“
Später: „Hast du eigentlich jemanden kennengelernt?“
Und einige Tage später weiß dein ehemaliger Partner plötzlich Dinge, die du ihm niemals erzählt hast. Natürlich sollte man nicht hinter jeder Frage eine Verschwörung vermuten.
Aber wenn du wiederholt bemerkst, dass private Informationen weitergegeben werden, darfst du Konsequenzen ziehen.
Du musst nicht jedem alles erzählen.
Besonders schmerzhaft: Menschen wenden sich gegen dich
Vielleicht ist das der schlimmste Teil. Du hast nicht nur eine Beziehung verloren. Plötzlich verlierst du möglicherweise auch gemeinsame Freunde.
Menschen grüßen anders. Einige melden sich nicht mehr. Andere haben offenbar eine Meinung über dich entwickelt, ohne jemals deine Seite gehört zu haben.
Das kann unglaublich verletzend sein.
Und dann entsteht ein starker Wunsch: Ich muss ihnen die Wahrheit erzählen.
Du möchtest Screenshots zeigen.
Nachrichten.
Beweise.
Du möchtest erklären, was wirklich hinter verschlossenen Türen passiert ist.
Doch genau hier solltest du vorsichtig sein. Nicht jeder Mensch verdient Zugang zu deiner gesamten Geschichte.
Du musst nicht jedem beweisen, dass du ein guter Mensch bist
Das ist eine der wichtigsten Lektionen nach einer manipulativen Beziehung. Vielleicht glauben einige Menschen seine Geschichte.
Das tut weh.
Aber frage dich:
Was passiert, wenn du jetzt jedem hinterherläufst?
Du erklärst.
Du verteidigst dich.
Du zeigst Beweise.
Dann kommt das nächste Gerücht.
Du erklärst wieder.
So bleibt dein ehemaliger Partner weiterhin Mittelpunkt deines Lebens – obwohl die Beziehung längst beendet ist.
Manchmal ist die stärkste Antwort keine bessere Gegenkampagne. Es ist der Ausstieg aus dem Spiel.
Nicht alle Flying Monkeys sind gleich
Man kann grob drei Situationen unterscheiden. Da ist zunächst der ahnungslose Vermittler.
Er glaubt tatsächlich, er helfe: „Redet doch einfach miteinander.“
Hier kann eine klare Erklärung reichen: „Ich weiß, dass du es gut meinst. Aber meine Entscheidung steht fest. Bitte überbringe mir keine Nachrichten mehr.“
Dann gibt es den Informationssammler.
Er fragt viel, gibt deine Antworten weiter und erzählt dir anschließend wieder, was dein Ex über dich gesagt hat.
Hier hilft vor allem: weniger Informationen. Und schließlich gibt es Menschen, die sich bewusst an Angriffen, Beleidigungen oder Rufschädigung beteiligen.
Bei solchen Personen darf die Grenze deutlich härter sein.
Kontakt reduzieren.
Blockieren.
Und wenn aus dem Verhalten Belästigung, Drohungen oder Nachstellungen werden, Beweise sichern und fachliche beziehungsweise rechtliche Unterstützung suchen.
Was kannst du konkret tun?
Du brauchst keine komplizierte Strategie. Du brauchst vor allem klare Grenzen.
Wenn jemand sagt: „Er möchte wissen, warum du ihn blockiert hast.“
Kannst du antworten: „Das bespreche ich nicht über Dritte.“
Wenn jemand sagt: „Aber er liebt dich doch.“
Kannst du sagen: „Meine Entscheidung steht fest.“
Wenn jemand fragt: „Hast du schon einen neuen Partner?“
Darfst du antworten: „Das möchte ich privat halten.“
Wenn jemand sagt: „Du solltest wenigstens seine Seite hören.“
Kannst du sagen: „Ich kenne unsere Beziehung und brauche keine Vermittlung.“
Und wenn jemand deine Grenze immer wieder ignoriert: „Wenn du weiterhin Nachrichten zwischen uns übermittelst, werde ich auch unseren Kontakt reduzieren.“
Keine lange Erklärung.
Keine Verteidigungsrede.
Eine Grenze.
Gib nicht jedem Zugang zu deinem neuen Leben
Nach einer schwierigen Trennung kann es sinnvoll sein, den Kreis der Menschen, denen du persönliche Informationen anvertraust, zunächst kleiner zu halten.
Nicht aus Angst. Sondern aus Selbstschutz.
Wer respektvoll mit dir umgeht, wird akzeptieren können, wenn du sagst: „Darüber möchte ich nicht sprechen.“
Wer dagegen beleidigt reagiert, Druck macht oder deine Informationen weiterträgt, zeigt dir etwas Wichtiges über sich selbst.
Vertrauen bedeutet nicht, jedem alles zu erzählen.
Vertrauen bedeutet auch zu wissen, wer mit deiner Geschichte sorgfältig umgeht.
Und wenn über dich gelogen wird?
Das ist schwierig.
Bei ernsthaften falschen Behauptungen, die beispielsweise deine Arbeit, Sicherheit oder rechtliche Situation betreffen, kann es notwendig sein, sachlich zu reagieren und relevante Belege aufzubewahren.
Aber nicht jedes Gerücht verlangt eine Antwort. Manche Menschen werden dich falsch verstehen. Einige werden einer anderen Version glauben.
Vielleicht erkennst du irgendwann, dass deine Energie wichtiger ist als die Meinung eines Menschen, der dich ohnehin nicht wirklich kennt.
Du darfst aufhören, vor einem imaginären Gericht zu stehen.
Das eigentliche Ziel ist nicht, die Flying Monkeys zu besiegen
Es ist auch nicht deine Aufgabe, ihnen zu beweisen, dass sie manipuliert wurden.
Vielleicht erkennen sie es irgendwann.
Vielleicht auch nicht.
Dein Ziel ist viel einfacher: Du möchtest dein Leben zurück.
Ein Leben, in dem du morgens nicht zuerst darüber nachdenkst, was dein Ex erzählt.
In dem du nicht kontrollierst, wer noch mit ihm befreundet ist.
In dem du nicht jede Nachricht analysierst.
In dem du nicht mehr jedem erklären musst, warum du gegangen bist.
Denn genau dann verlieren sogenannte Flying Monkeys ihre Macht. Nicht wenn alle endlich deine Seite wählen.
Sondern wenn ihre Meinung nicht mehr darüber entscheidet, wie du dich selbst siehst. Vielleicht ist das die wichtigste Grenze nach einer Beziehung mit einem stark manipulativen Menschen:
Wer meine Grenzen respektiert, darf in meinem Leben bleiben. Wer benutzt wird, um diese Grenzen immer wieder zu umgehen, bekommt weniger Zugang zu mir.
Du musst nicht gegen ein ganzes Netzwerk kämpfen. Manchmal reicht es, die Tür zu schließen, durch die dieses Netzwerk immer wieder zu dir gelangt. Und dann weiterzugehen.
Quellen
- Shahida Arabi: Becoming the Narcissist’s Nightmare – behandelt unter anderem verdeckte Manipulation, Gaslighting, Projektion und besonders Triangulation, die eng mit dem Konzept der „Flying Monkeys“ verbunden ist.
- Shahida Arabi: Power: Surviving and Thriving After Narcissistic Abuse – über psychologische Manipulation, Triangulation, Gaslighting, Abwertung und den Umgang mit den Folgen emotionalen Missbrauchs.
- Shahida Arabi: The Highly Sensitive Person’s Guide to Dealing with Toxic People – über den Umgang mit manipulativen Menschen, das Erkennen problematischer Taktiken sowie Grenzsetzung und Selbstschutz.
- Ramani Durvasula: Should I Stay or Should I Go? Surviving a Relationship with a Narcissist – über narzisstische Beziehungen und Strategien, mit denen Betroffene ihre Grenzen und ihre eigene Stabilität schützen können.






