Narzisst und ehrliche Gefühle: Warum emotionale Offenheit ihn überfordert
Mit einem narzisstischen Menschen kann man manchmal jahrelang zusammenleben, ohne sich ihm wirklich nahe zu fühlen. Man teilt ein Zuhause, schläft im selben Bett, verbringt Feiertage miteinander und spricht täglich über Einkäufe, Rechnungen, Kinder oder die Arbeit. Doch sobald es um das geht, was einen innerlich bewegt, scheint zwischen beiden eine unsichtbare Wand zu stehen.
Sie können ihm erzählen, dass das Auto repariert werden muss, dass die Nachbarin umgezogen ist oder dass Sie am Wochenende Besuch erwarten. Darüber lässt sich problemlos sprechen.
Aber versuchen Sie einmal, ihm zu sagen, dass Sie sich ungeliebt fühlen, dass Ihnen seine Zärtlichkeit fehlt oder dass Sie sich nach einem ehrlichen Gespräch sehnen. Plötzlich wird er unruhig. Er verdreht die Augen, wechselt das Thema oder fragt gereizt, was Sie denn schon wieder hätten.
Für die betroffene Partnerin ist das schwer zu verstehen. Schließlich sollte gerade der Mensch, mit dem man sein Leben teilt, auch derjenige sein, dem man seine Gefühle anvertrauen kann.
Doch warum wird ausgerechnet emotionale Offenheit in manchen Beziehungen mit narzisstisch geprägten Menschen zum Problem?
Er kennt Nähe, solange sie keine Verletzlichkeit verlangt
Viele Menschen verwechseln körperliche Nähe, gemeinsame Unternehmungen und romantische Gesten mit emotionaler Intimität.
Doch echte emotionale Nähe entsteht erst dann, wenn zwei Menschen einander auch ihre Unsicherheiten, Ängste und verletzlichen Seiten zeigen können.
Ein narzisstisch geprägter Mensch kann durchaus charmant, aufmerksam und leidenschaftlich sein. Er kann Komplimente machen, Geschenke kaufen und seiner Partnerin das Gefühl geben, etwas Besonderes zu sein.
Schwieriger wird es möglicherweise, wenn die Beziehung nicht mehr nur aus angenehmen Gefühlen besteht.
Denn emotionale Intimität bedeutet auch, zuhören zu können, wenn der andere enttäuscht ist. Sie verlangt die Fähigkeit, eigene Fehler anzuerkennen und auszuhalten, dass der Partner manchmal andere Bedürfnisse hat.
Gerade Menschen, deren Selbstwert stark von Bewunderung und Bestätigung abhängt, können solche Situationen als unangenehm oder bedrohlich erleben.
Warum ihn ein einfacher Satz so sehr treffen kann
Eine Frau sagt zu ihrem Partner: „Ich würde mir wünschen, dass wir wieder mehr Zeit miteinander verbringen.“
Für sie ist das eine Einladung. Sie möchte ihm mitteilen, dass sie seine Nähe vermisst. Er hört jedoch möglicherweise etwas völlig anderes: „Du bist kein guter Partner.“
Sofort beginnt er aufzuzählen, wie viel er arbeitet, was er alles bezahlt und wie undankbar sie sei. Am Ende muss sie erklären, dass sie ihn keineswegs angreifen wollte.
Das eigentliche Thema, ihre Sehnsucht nach gemeinsamer Zeit, verschwindet vollständig.
Hinter solchen Reaktionen kann eine ausgeprägte Empfindlichkeit gegenüber Kritik stehen. Manche narzisstisch geprägten Menschen erleben selbst vorsichtig formulierte Wünsche als persönliche Abwertung.
Statt die Gefühle ihres Gegenübers zu verstehen, versuchen sie, ihr eigenes Selbstbild zu verteidigen. So wird aus einer Bitte um Nähe eine Diskussion über ihre angebliche Undankbarkeit.
Gefühle lassen sich nicht immer kontrollieren
Ein weiterer Grund für Schwierigkeiten mit emotionaler Offenheit kann das Bedürfnis nach Kontrolle sein.
Über alltägliche Dinge lässt sich häufig sachlich diskutieren. Man kann entscheiden, wann man einkauft, wohin man fährt oder welche Rechnung zuerst bezahlt wird.
Gefühle funktionieren anders.
Wenn ein Mensch traurig ist, lässt sich diese Traurigkeit nicht einfach durch einen Befehl abschalten. Wenn jemand verletzt wurde, verschwindet der Schmerz nicht automatisch, nur weil der andere erklärt, dass es keinen Grund dafür gebe.
Manche Menschen reagieren auf diese Unkontrollierbarkeit mit Ungeduld. Sie möchten unangenehme Gefühle möglichst schnell beenden.
Dann fallen Sätze wie: „Jetzt hör endlich auf damit“, „Du machst aus allem ein Drama“ oder „Kannst du nicht einmal normal sein?“
Solche Reaktionen zeigen nicht, dass die Gefühle der Partnerin falsch sind. Sie zeigen vielmehr, dass der andere Schwierigkeiten hat, diese Gefühle auszuhalten und angemessen darauf zu reagieren.
Warum er lieber über andere spricht als über sich selbst
Vielleicht haben Sie bemerkt, dass Ihr Partner stundenlang über die Fehler anderer Menschen sprechen kann.
Er kritisiert Kollegen, beschwert sich über Verwandte und erklärt ausführlich, warum bestimmte Menschen unfähig oder ungerecht sind.
Doch wenn Sie ihn fragen, was ihn persönlich verletzt, wovor er Angst hat oder warum er sich manchmal so schnell angegriffen fühlt, wird er ausweichend.
„Was soll diese Fragerei?“
„Mit mir ist alles in Ordnung.“
„Du solltest lieber an deinen eigenen Problemen arbeiten.“
Für manche Menschen mit narzisstischen Eigenschaften ist es schwer, die eigene Verletzlichkeit anzuerkennen.
Sie haben möglicherweise gelernt, Unsicherheit als Schwäche zu betrachten und unangenehme Gefühle durch Ärger, Überlegenheit oder Rückzug abzuwehren.
Über die Fehler anderer zu sprechen, kann dann leichter sein, als sich mit den eigenen inneren Konflikten auseinanderzusetzen.
Wenn Sie seine Stimmung verstehen müssen, er Ihre aber nicht
Besonders erschöpfend wird eine Beziehung, wenn emotionale Aufmerksamkeit nur in eine Richtung fließt.
Sie erkennen sofort, wenn er schlechte Laune hat. Sie hören an seiner Stimme, ob ihn etwas ärgert, und wissen, wann Sie ihn besser in Ruhe lassen.
Sie nehmen Rücksicht, fragen nach und versuchen, ihn aufzumuntern.
Doch wenn Sie selbst einen schlechten Tag haben, bemerkt er es kaum. Vielleicht sieht er, dass Sie stiller sind als sonst, fragt aber nicht nach. Wenn Sie schließlich erzählen, was Sie belastet, erklärt er, dass er selbst viel größere Probleme habe.
So entsteht ein Ungleichgewicht, bei dem ein Partner ständig die emotionale Atmosphäre der Beziehung reguliert, während seine eigenen Bedürfnisse immer weiter in den Hintergrund geraten.
Mit der Zeit kann das dazu führen, dass Sie nicht mehr fragen, was Sie brauchen, sondern nur noch überlegen, was ihn zufriedenstellt.
Die unsichtbare Veränderung der Partnerin
Am Anfang einer solchen Beziehung sind viele Menschen offen, lebendig und mitteilsam. Sie erzählen von ihren Träumen, sprechen über ihre Sorgen und zeigen ihre Gefühle ohne große Angst.
Doch wiederholte Zurückweisung kann dieses Verhalten verändern.
Vielleicht erzählen Sie irgendwann nicht mehr, dass Sie eine Bemerkung verletzt hat. Sie behalten Ihre Sorgen für sich und weinen erst, wenn niemand zusieht.
Sie lernen, Gespräche zu vermeiden, die seine Stimmung verschlechtern könnten. Nach außen scheint alles harmonischer zu werden, weil weniger gestritten wird.
In Wirklichkeit ist jedoch etwas Wichtiges verloren gegangen: die Sicherheit, sich innerhalb der Beziehung ehrlich zeigen zu dürfen.
Die Partnerin wird stiller, vorsichtiger und emotional zurückhaltender. Nicht, weil sie weniger fühlt, sondern weil sie gelernt hat, dass ihre Offenheit häufig negative Reaktionen auslöst.
Das kann langfristig das Selbstwertgefühl beeinträchtigen und zu tiefer Einsamkeit führen.
Kann ein Narzisst überhaupt echte Gefühle zulassen?
Menschen mit narzisstischen Eigenschaften sind nicht grundsätzlich gefühllos. Auch sie können Angst, Traurigkeit, Scham, Sehnsucht und Zuneigung empfinden.
Die Schwierigkeit liegt bei manchen darin, diese Gefühle wahrzunehmen, offen zu benennen und auf eine Weise damit umzugehen, die Nähe ermöglicht.
Wer eigene Verletzlichkeit ständig abwehrt, kann auch auf die Verletzlichkeit anderer abweisend reagieren.
Eine Veränderung ist möglich, wenn der Betroffene bereit ist, seine Verhaltensmuster zu erkennen und Verantwortung dafür zu übernehmen. Psychotherapie kann diesen Prozess unterstützen.
Allerdings kann die Partnerin diese Entwicklung nicht erzwingen. Weder besonders viel Geduld noch grenzenlose Rücksichtnahme ersetzen die Bereitschaft des anderen, an sich zu arbeiten.
Was Sie für sich selbst erkennen sollten
Wenn Sie sich in diesen Beschreibungen wiederfinden, lohnt es sich, Ihre Beziehung nicht nur danach zu beurteilen, wie Ihr Partner an guten Tagen ist.
Fragen Sie sich auch, wie er reagiert, wenn Sie traurig sind. Können Sie ihm sagen, dass er Sie verletzt hat? Dürfen Sie anderer Meinung sein? Können Sie um Trost bitten, ohne anschließend Schuldgefühle zu haben?
Eine gesunde Beziehung ist nicht frei von Missverständnissen. Auch ein liebevoller Partner kann einmal ungeduldig reagieren oder eine ungeschickte Antwort geben.
Entscheidend ist jedoch, ob beide bereit sind, einander zu verstehen und verletzendes Verhalten zu korrigieren.
Wenn Sie dagegen ständig Angst haben müssen, Ihre Gefühle auszusprechen, sollten Sie diese Belastung ernst nehmen und sich gegebenenfalls Unterstützung suchen.
Liebe braucht mehr als gemeinsame schöne Tage
Es ist nicht besonders schwierig, einen Menschen zu lieben, solange er glücklich, zufrieden und unkompliziert ist.
Die wirkliche Qualität einer Beziehung zeigt sich häufig erst dann, wenn einer von beiden traurig, enttäuscht oder verletzlich wird.
Dann braucht es keine perfekten Antworten. Oft genügt ein ehrliches Zuhören, eine Umarmung oder die Bereitschaft, gemeinsam nach einer Lösung zu suchen.
Wer emotionale Offenheit immer wieder mit Ärger, Spott oder Rückzug beantwortet, erschwert genau die Nähe, die eine Partnerschaft langfristig trägt.
Sie sollten in einer Beziehung nicht das Gefühl haben, Ihre Traurigkeit verstecken, Ihre Enttäuschung entschuldigen oder Ihre Bedürfnisse rechtfertigen zu müssen. Denn wirkliche Liebe zeigt sich nicht nur darin, dass jemand Ihre schönen Seiten genießen möchte, sondern auch darin, dass er bereit ist, Ihnen zuzuhören, wenn das Leben gerade nicht schön ist.
Quellen
- Bärbel Wardetzki: Eitle Liebe: Wie narzisstische Beziehungen scheitern oder gelingen können. Kösel Verlag, 2010.
- Heinz-Peter Röhr: Narzissmus: Das innere Gefängnis. dtv, 2005.
- Wendy T. Behary: Mit Narzissten leben: Wie Sie selbstbezogene Menschen entlarven und dabei wachsen können. Junfermann Verlag, überarbeitete Auflage 2024.






