Narzisstischer Missbrauch – Wenn dein Körper reagiert, als wärst du nie sicher

Narzisstischer Missbrauch – Wenn dein Körper reagiert, als wärst du nie sicher


Mein Körper war schneller als mein Verstand

Ich habe mich oft dabei ertappt, wie ich angespannt wurde, noch bevor ich wusste, warum.

Wenn mein Handy aufleuchtete und sein Name erschien, zog sich etwas in mir zusammen.
Wenn er länger nicht antwortete, wurde ich unruhig.
Wenn wir zusammen waren, war ich aufmerksam – fast zu aufmerksam.


Ich habe jedes Detail wahrgenommen.

Seinen Blick.
Seinen Tonfall.
Die kleinsten Veränderungen in seiner Stimmung.

Es war, als müsste ich ständig „mitlesen“, was zwischen den Zeilen passiert.

Damals dachte ich, ich sei einfach sensibel.

Heute weiß ich: Mein Körper war im Dauerstress.

Ich habe versucht, alles richtig zu machen

Ich habe angefangen, mich anzupassen.

Ich habe überlegt, wie ich Dinge formuliere, damit sie nicht falsch ankommen.
Ich habe Themen vermieden, die zu Diskussionen führen könnten.
Ich habe mich zurückgenommen, wenn ich gespürt habe, dass etwas kippen könnte.

Nicht bewusst. Es ist einfach passiert.

Weil ich dieses Gefühl vermeiden wollte, wenn sich etwas plötzlich verändert.

Wenn er distanziert wurde.
Wenn er kühl wurde.
Wenn ich nicht mehr wusste, wo ich stehe.

Also habe ich versucht, die Kontrolle zu behalten – indem ich mich selbst kontrolliert habe.

Nähe war nie wirklich sicher

Das Verwirrendste war: Es gab auch schöne Momente.

Momente, in denen er präsent war.
In denen ich mich gesehen gefühlt habe.
In denen alles leicht wirkte.

Und genau diese Momente haben mich gehalten.

Ich habe gedacht: So ist er wirklich.

Und alles andere? Habe ich erklärt, entschuldigt, relativiert. Doch mein Körper hat nie ganz daran geglaubt.

Selbst in den guten Momenten war da ein Rest von Anspannung. Ein leises Gefühl von Unsicherheit. Als würde etwas jederzeit kippen können.

Ich habe angefangen, mir selbst nicht mehr zu vertrauen

Mit der Zeit hat sich etwas verschoben. Nicht nur in der Beziehung – sondern in mir. Ich habe meine eigenen Reaktionen hinterfragt.

Warum trifft mich das so?
Warum reagiere ich so stark?
Warum kann ich nicht einfach entspannter sein?

Er hat nicht immer direkt etwas gesagt. Aber seine Reaktionen haben gereicht.

Ein Blick, der distanziert war.
Ein Satz, der alles relativiert hat.
Ein Verhalten, das mich zweifeln ließ.

Und irgendwann habe ich aufgehört, meinem eigenen Gefühl zu vertrauen.

Mein Körper blieb angespannt – auch ohne ihn

Das Seltsamste war: Selbst wenn er nicht da war, war ich es nicht wirklich frei.

Ich habe an Gespräche gedacht.
An Nachrichten.
An Situationen, die ich hätte anders machen können.

Ich war nie ganz im Moment.

Immer ein Stück „bereit“.
Bereit, zu reagieren.
Bereit, mich anzupassen.
Bereit, wieder in diese Dynamik zu gehen.

Mein Körper kannte keinen echten Ruhezustand mehr.

Der Punkt, an dem ich nicht mehr konnte

Es gab keinen dramatischen Moment. Keinen großen Streit. Kein klares Ende.

Nur einen Punkt, an dem ich gemerkt habe:

Ich bin müde.

Müde vom Denken.
Müde vom Anpassen.
Müde davon, mich selbst ständig zurückzunehmen.

Und dann habe ich angefangen, nicht mehr ihn zu analysieren – sondern mich.

Ich habe angefangen, meinem Körper zuzuhören

Ich habe mich gefragt:

Wann fühle ich mich ruhig?
Wann fühle ich mich angespannt?
Wann bin ich wirklich bei mir?

Und die Antworten waren ehrlich.

Ich war ruhig – ohne ihn.
Ich war angespannt – mit ihm.

So einfach. Und so schwer zu akzeptieren.

Sicherheit fühlt sich anders an

Ich habe lange gedacht, Liebe muss intensiv sein.

Unvorhersehbar.
Emotional.
Mit Höhen und Tiefen.

Doch ich habe etwas anderes gelernt: Sicherheit fühlt sich nicht intensiv an.

Sie fühlt sich ruhig an.
Stabil.
Verlässlich.

Ohne dieses ständige Beobachten.
Ohne dieses innere Alarmgefühl.

Der Weg zurück

Es war kein schneller Prozess. Ich habe nicht von heute auf morgen alles verändert. Aber ich habe angefangen, kleine Schritte zu gehen.

Ich habe weniger reagiert.
Ich habe Abstand zugelassen.
Ich habe aufgehört, alles zu erklären.

Und vor allem: Ich habe aufgehört, mein Gefühl zu ignorieren.

Ich habe mich selbst wieder gespürt

Mit der Zeit hat sich mein Körper verändert.

Ich konnte wieder durchatmen.
Ich war nicht mehr ständig angespannt.
Ich musste nicht mehr alles kontrollieren.

Ich habe mich wieder gespürt.

Und das war das erste Mal seit Langem, dass ich mich wirklich sicher gefühlt habe.

Was ich heute weiß

Wenn dein Körper ständig reagiert, hat das einen Grund. Wenn du dich nie ganz entspannen kannst, ist das kein Zufall.

Wenn du dich selbst immer wieder hinterfragst, liegt das nicht daran, dass du falsch bist. Es liegt daran, dass du dich in etwas befindest, das dich verunsichert.

Am Ende war es keine Schwäche

Ich habe lange gedacht, ich sei das Problem. Heute weiß ich:

Ich habe einfach zu lange versucht, in etwas sicher zu sein, das nicht sicher war.

Und mein Körper hat mir die ganze Zeit gezeigt, was ich nicht sehen wollte. Jetzt höre ich hin. Und genau das hat alles verändert.

Quellen

„The Body Keeps the Score“ – Bessel van der Kolk
Erklärt, wie der Körper auf Trauma reagiert und warum dauerhafte Anspannung ein Zeichen innerer Unsicherheit ist.
„The Gaslight Effect“ – Robin Stern
Beschreibt, wie Menschen beginnen, an ihrer eigenen Wahrnehmung zu zweifeln und sich selbst nicht mehr vertrauen.
„Why Does He Do That?“ – Lundy Bancroft
Analysiert kontrollierendes und manipulatives Verhalten in Beziehungen und deren Auswirkungen auf Betroffene.

Author

  • Melina Lauer Fuchs

    Ich bin Melina, Autorin dieses Textes. Mit meinen Worten möchte ich berühren, aufrütteln und zum Nachdenken anregen. Themen wie emotionale Verletzungen, familiäre Muster und inneres Wachstum begleiten mich seit vielen Jahren – beruflich wie persönlich. Wenn du dich in meinen Zeilen wiederfindest, dann weißt du: Du bist nicht allein.

    View all posts