Schamabwehr beim Narzissten: Wenn Verletzlichkeit hinter Wut verschwindet
Du sagst einen eigentlich harmlosen Satz: „Das hat mich gestern verletzt.“
Du erwartest vielleicht ein Gespräch, eine Erklärung oder zumindest die Frage, was genau du meinst. Doch innerhalb weniger Sekunden verändert sich die Stimmung. Dein Gegenüber wird laut, greift dich an oder zählt plötzlich deine Fehler auf. Am Ende sprichst du nicht mehr darüber, was dich verletzt hat. Du verteidigst dich gegen Vorwürfe, die mit dem ursprünglichen Thema kaum noch etwas zu tun haben.
Warum kann Kritik bei manchen Menschen so schnell in Wut umschlagen?
Eine mögliche Erklärung liegt in einem Gefühl, über das wesentlich seltener gesprochen wird als über Ärger: Scham.
Gerade bei stark narzisstisch geprägten Menschen kann Scham schwer auszuhalten sein. Wird das eigene Selbstbild bedroht, können Abwehrreaktionen entstehen, die verhindern sollen, dass Verletzlichkeit bewusst erlebt werden muss. In diesem Zusammenhang kann man von Schamabwehr sprechen.
Was bedeutet Schamabwehr?
Scham ist mehr als das unangenehme Gefühl, einen Fehler gemacht zu haben.
Schuld und Scham können sich zwar überschneiden, haben aber unterschiedliche Schwerpunkte. Schuld richtet sich eher auf das Verhalten: „Ich habe etwas Falsches getan.“ Scham kann wesentlich umfassender erlebt werden: „Mit mir stimmt etwas nicht.“
Genau deshalb kann Scham so schmerzhaft sein.
Ein Mensch, der einen Fehler anerkennen kann, ohne seinen gesamten Selbstwert infrage zu stellen, kann möglicherweise sagen: „Ja, das war falsch von mir. Es tut mir leid.“
Wenn ein Fehler jedoch sofort das gesamte Selbstbild bedroht, kann diese Anerkennung wesentlich schwieriger werden.
Dann wird Kritik nicht mehr nur als Information über ein bestimmtes Verhalten erlebt. Sie fühlt sich wie eine Bewertung der ganzen Person an.
Und genau an diesem Punkt kann Abwehr beginnen.
Wut kann leichter auszuhalten sein als Scham
Wut und Scham fühlen sich vollkommen unterschiedlich an.
Scham macht klein. Sie kann den Wunsch auslösen, zu verschwinden, sich zu verstecken oder nicht gesehen zu werden.
Wut macht dagegen aktiv. Sie gibt Energie. Sie richtet die Aufmerksamkeit nach außen.
Statt „Was stimmt mit mir nicht?“ lautet die Frage plötzlich: „Was stimmt mit dir nicht?“
Diese Verschiebung kann psychisch entlastend wirken.
Stell dir vor, du sagst:
„Ich fand es nicht in Ordnung, wie du gestern mit mir gesprochen hast.“
Die Antwort lautet:
„Du redest doch selbst ständig respektlos mit mir!“
Du versuchst zurückzukehren:
„Darum geht es gerade nicht.“
Doch jetzt kommt:
„Natürlich nicht. Bei dir geht es immer nur darum, was ich falsch mache.“
Innerhalb weniger Minuten hat sich die Richtung des Gesprächs verändert.
Der Mensch, dessen Verhalten ursprünglich angesprochen wurde, steht nicht mehr unter Kritik. Nun musst du dich erklären.
Ob das bewusst oder unbewusst geschieht, lässt sich von außen nicht immer feststellen. Aber die Wirkung kann dieselbe sein: Das unangenehme Gefühl wird nach außen verschoben.
Kritik kann sich wie Entlarvung anfühlen
Besonders empfindlich kann eine Situation werden, wenn Kritik vor anderen Menschen geäußert wird. Vielleicht korrigierst du deinen Partner während eines Abendessens.
„Nein, das war doch am Donnerstag.“
Für dich ist das vollkommen nebensächlich.
Für ihn kann es sich jedoch anders anfühlen.
Vielleicht erlebt er nicht einfach: „Ich habe mich beim Datum geirrt.“
Sondern: „Du hast mich vor allen bloßgestellt.“
Die Reaktion erscheint dir deshalb unverhältnismäßig. Später wird dir vorgeworfen, du hättest ihn absichtlich schlecht aussehen lassen.
Das muss nicht bedeuten, dass jede solche Reaktion narzisstisch ist. Niemand wird gerne öffentlich gedemütigt. Entscheidend ist vielmehr das wiederkehrende Muster und die Intensität, mit der gewöhnliche Korrekturen oder Meinungsverschiedenheiten als persönliche Herabsetzung erlebt werden.
Aus Scham kann Abwertung werden
Eine weitere Möglichkeit, Scham abzuwehren, besteht darin, denjenigen abzuwerten, der sie ausgelöst hat.
Wenn deine Meinung nicht zählt, kann deine Kritik weniger gefährlich erscheinen.
Deshalb kann nach einer Kränkung plötzlich etwas Merkwürdiges passieren: Ein Mensch, der dich gestern noch bewundert hat, findet heute fast alles an dir falsch.
Du bist plötzlich zu empfindlich, zu kompliziert, nicht intelligent genug oder undankbar.
Psychologisch kann Abwertung dabei helfen, das Gleichgewicht wiederherzustellen.
Wenn ich mich durch dich klein gefühlt habe, kann es kurzfristig entlastend sein, dich kleiner zu machen.
Doch für Beziehungen ist dieser Mechanismus zerstörerisch.
Denn statt gemeinsam über eine Verletzung oder einen Fehler zu sprechen, entsteht ein Kampf darum, wer überlegen und wer minderwertig ist.
Schuldverschiebung schützt vor dem Blick nach innen
Schamabwehr kann sich auch darin zeigen, dass Verantwortung sehr schnell nach außen verlagert wird.
„Ich wäre nicht so wütend geworden, wenn du mich nicht provoziert hättest.“
„Ich habe dich nur beleidigt, weil du mich vorher verletzt hast.“
„Du weißt genau, wie du mich auf die Palme bringst.“
Damit wird nicht unbedingt bestritten, was passiert ist. Stattdessen wird erklärt, warum der andere angeblich dafür verantwortlich ist.
Das kann einen entscheidenden Unterschied machen.
Denn solange ein anderer Mensch die Ursache meines Verhaltens ist, muss ich mich weniger intensiv mit meiner eigenen Verantwortung auseinandersetzen.
Genau deshalb kann echte Veränderung schwierig werden, wenn dieses Muster dauerhaft besteht.
Für den Partner entsteht ein verwirrendes Problem
Wer solche Reaktionen häufig erlebt, beginnt möglicherweise, seine Kommunikation zu verändern.
Du überlegst lange, bevor du Kritik äußerst.
Du formulierst besonders vorsichtig.
Du wartest auf einen „guten Moment“.
Du beginnst mit mehreren positiven Sätzen, bevor du das eigentliche Problem erwähnst.
Vielleicht sagst du irgendwann überhaupt nichts mehr.
Nicht weil nichts mehr passiert.
Sondern weil du weißt, dass ein kleines Problem schnell zu einem großen Konflikt werden kann.
So entsteht eine Beziehung, in der ein Mensch immer mehr Verantwortung dafür übernimmt, dass der andere niemals unangenehme Gefühle erleben muss.
Das kann auf Dauer sehr belastend sein.
Hinter Wut zu schauen bedeutet nicht, sie akzeptieren zu müssen
Wenn du verstehst, dass hinter aggressiver Abwehr möglicherweise Scham oder Verletzlichkeit steckt, kann Mitgefühl entstehen.
Vielleicht denkst du: „Eigentlich ist er nicht so selbstsicher, wie er wirkt.“
Das kann durchaus sein.
Aber hier ist eine wichtige Grenze notwendig.
Eine psychologische Erklärung ist keine Entschuldigung für verletzendes Verhalten.
Ein Mensch darf sich schämen.
Er darf verletzt sein.
Er darf sich missverstanden fühlen.
Aber er bleibt dafür verantwortlich, wie er mit diesen Gefühlen umgeht. Scham gibt niemandem das Recht, andere zu beleidigen, abzuwerten oder einzuschüchtern.
Nicht jede Wut ist Schamabwehr
Menschen können aus sehr unterschiedlichen Gründen gereizt, defensiv oder aggressiv reagieren. Außerdem kann eine narzisstische Persönlichkeitsstörung nicht anhand einzelner Konflikte diagnostiziert werden.
Wichtiger als ein Etikett ist deshalb das wiederkehrende Muster.
Kann jemand nach einer ersten defensiven Reaktion später zurückkommen und sagen: „Ich habe darüber nachgedacht. Du hattest in diesem Punkt recht“?
Kann er Verantwortung übernehmen?
Kann er sich entschuldigen?
Kann er Kritik aushalten, ohne den anderen zerstören zu müssen?
Daran lässt sich oft mehr erkennen als an einer einzelnen wütenden Reaktion.
Emotionale Stärke beginnt dort, wo Scham ausgehalten werden kann
Der Ausweg aus Schamabwehr besteht nicht darin, überhaupt keine Scham mehr zu empfinden. Es geht vielmehr darum, dieses Gefühl auszuhalten, ohne es sofort in einen Angriff umzuwandeln.
„Ja, ich habe einen Fehler gemacht.“
„Ja, das war mir peinlich.“
„Ja, deine Kritik hat mich getroffen.“
„Ja, ich habe mich gerade klein gefühlt.“
Solche Sätze können schwer sein.
Doch sie ermöglichen etwas, das durch permanente Abwehr kaum möglich ist: echte Selbstreflexion.
Wer einen Fehler zugeben kann, ohne sich deshalb als wertlosen Menschen zu betrachten, muss nicht bei jeder Kritik um sein gesamtes Selbstbild kämpfen.
Und genau darin liegt vielleicht eine Form wirklicher innerer Stärke. Nicht darin, niemals verletzlich zu sein. Sondern darin, Verletzlichkeit auszuhalten, ohne einen anderen Menschen dafür bestrafen zu müssen.
Denn manchmal ist die lauteste Wut nicht das stärkste Gefühl im Raum. Manchmal liegt darunter etwas viel Leiseres: die Angst, nicht gut genug zu sein, bloßgestellt zu werden oder den eigenen Wert zu verlieren.
Das zu verstehen kann helfen, ein Verhalten einzuordnen. Aber es bleibt die Aufgabe jedes erwachsenen Menschen, mit dieser Verletzlichkeit so umzugehen, dass andere nicht dafür bezahlen müssen.
Quellen
Elsa F. Ronningstam (2005): Identifying and Understanding the Narcissistic Personality. Oxford University Press. Besonders relevant für das Verständnis von Scham, Unsicherheit, Verletzlichkeit und der Regulation des Selbstwertgefühls bei pathologischem Narzissmus. OUP Academic
Elsa Ronningstam (Hrsg.): Narcissistic Personality Disorder. Guilford Press. Das Fachbuch behandelt unter anderem Scham, Aggression, Emotionsregulation, Vulnerabilität und therapeutische Ansätze bei narzisstischer Persönlichkeitsstörung. Guilford Press
Otto F. Kernberg (1975): Borderline Conditions and Pathological Narcissism. Jason Aronson. Ein grundlegendes klinisches Werk über pathologischen Narzissmus, Abwehrmechanismen, Selbstwertregulation und zwischenmenschliche Konflikte. Das Werk wird auch in Ronningstams Fachübersicht als grundlegende Literatur aufgeführt. Wiley Online Library






