Sündenbock: Wenn der Narzisst immer denselben für alles verantwortlich macht

Sündenbock Wenn der Narzisst immer denselben für alles verantwortlich macht

In manchen Beziehungen und Familien scheint es für jedes Problem erstaunlich schnell einen Verantwortlichen zu geben. Die Stimmung ist schlecht? Diese Person ist schuld. Ein Streit eskaliert? Wieder hat sie angeblich angefangen. Jemand anderes verhält sich verletzend? Trotzdem wird am Ende erklärt, sie habe dieses Verhalten provoziert.

Mit der Zeit entsteht eine merkwürdige Rollenverteilung: Einer darf Fehler machen, wütend werden, verletzen oder Verantwortung vermeiden – während ein anderer regelmäßig erklären muss, warum angeblich alles an ihm liegt.


Für diese Rolle gibt es einen Begriff: Sündenbock.

Besonders in Beziehungen oder Familien mit stark narzisstisch geprägten Dynamiken kann eine Person zum dauerhaften Träger von Schuld werden. Das Problem dabei ist nicht nur, dass sie ungerecht behandelt wird. Nach längerer Zeit kann sie selbst anfangen zu glauben, tatsächlich das Problem zu sein.

Was bedeutet „Sündenbock“?

Ein Sündenbock ist eine Person, der Verantwortung für Probleme zugeschoben wird, die wesentlich komplexer sind oder für die sie gar nicht verantwortlich ist.

Psychologisch erfüllt diese Rolle eine wichtige Funktion: Wenn einer „der Schuldige“ ist, müssen die anderen weniger genau auf sich selbst schauen.

Statt zu fragen:

„Was habe ich zu diesem Konflikt beigetragen?“

heißt es:

„Wegen dir gibt es ständig Probleme.“

Statt zu überlegen:

„War mein Verhalten verletzend?“

wird gesagt:

„Wenn du mich nicht provoziert hättest, wäre ich nicht so geworden.“

So wird Verantwortung verschoben.

Warum braucht ein Narzisst einen Schuldigen?

Menschen mit ausgeprägten narzisstischen Mustern können große Schwierigkeiten damit haben, Fehler einzugestehen oder Kritik auszuhalten. Das eigene Selbstbild soll möglichst stabil bleiben.

Die Vorstellung, selbst unfair, rücksichtslos oder verletzend gehandelt zu haben, kann deshalb starken inneren Widerstand auslösen.

Eine Möglichkeit, damit umzugehen, besteht darin, Verantwortung nach außen zu verschieben.

Dann lautet die Geschichte nicht:

„Ich habe dich verletzt.“

Sondern:

„Du bist zu empfindlich.“

Nicht:

„Ich habe die Kontrolle verloren.“

Sondern:

„Du hast mich dazu gebracht.“

Nicht:

„Ich habe einen Fehler gemacht.“

Sondern:

„Wegen dir ist das passiert.“

Der Sündenbock übernimmt damit etwas, das eigentlich zwischen mehreren Menschen verteilt werden müsste: die Verantwortung für alles, was nicht funktionieren darf.

Warum trifft es häufig immer dieselbe Person?

Das ist eine der schmerzhaftesten Fragen.

Warum wird nicht jeder einmal beschuldigt? Warum scheint sich alles immer auf einen Menschen zu konzentrieren?

Weil sich Rollen in Beziehungen und Familien verfestigen können.

Vielleicht warst du derjenige, der früh versucht hat, Frieden zu schaffen. Du hast dich entschuldigt, obwohl du nicht allein verantwortlich warst. Du hast lange Erklärungen gegeben. Du wolltest verstehen, vermitteln und Konflikte lösen.

Was zunächst wie Stärke und Empathie aussieht, kann in einer ungesunden Dynamik gegen dich verwendet werden.

Denn wer Verantwortung schnell übernimmt, bekommt irgendwann möglicherweise noch mehr davon zugeschoben.

Derjenige, der am wenigsten widerspricht, wird zum einfachsten Ziel.

Der Sündenbock wird zum „Problem der Familie“

Besonders deutlich kann dieses Muster in Familien werden.

Ein Kind gilt beispielsweise als „schwierig“, „undankbar“, „zu sensibel“ oder „immer wütend“.

Doch niemand fragt, warum dieses Kind so häufig wütend ist.

Vielleicht reagiert es auf Spannungen, Ungleichbehandlung oder emotionale Unsicherheit.

Statt die gesamte Familiendynamik anzuschauen, wird das Verhalten eines einzelnen Kindes zum Hauptproblem erklärt.

Solange alle auf dieses Kind zeigen, muss niemand über die Konflikte zwischen den Erwachsenen sprechen.

Der Sündenbock wird damit nicht unbedingt zur Ursache des Problems.

Er kann vielmehr zum sichtbaren Ort werden, an dem Probleme abgeladen werden, die eigentlich das gesamte System betreffen.

Irgendwann beginnst du, dir selbst nicht mehr zu vertrauen

Das Gefährliche an dieser Rolle ist ihre Wiederholung. Ein einzelner ungerechter Vorwurf kann zurückgewiesen werden.

Hundert ähnliche Vorwürfe hinterlassen Spuren. Vielleicht fragst du dich irgendwann:

„Bin ich wirklich zu schwierig?“

„Übertreibe ich ständig?“

„Vielleicht bin tatsächlich ich das Problem.“

Du gehst Gespräche im Kopf immer wieder durch. Du überprüfst deine Worte. Du entschuldigst dich vorsorglich. Du versuchst, noch verständnisvoller, ruhiger und unkomplizierter zu werden.

Doch das Grundproblem verschwindet nicht. Denn wenn deine Rolle darin besteht, Schuld zu tragen, wird Perfektion dich nicht daraus befreien. Es wird immer etwas Neues gefunden werden.

Typische Sätze, die einen Sündenbock festhalten

Die Schuldzuweisung kann sehr direkt sein: „Du ruinierst immer alles.“

Sie kann aber auch subtiler auftreten:

„Seit du da bist, gibt es nur Probleme.“

„Mit allen anderen komme ich klar.“

„Du bist immer so empfindlich.“

„Wenn du normal reagieren würdest, müssten wir nicht streiten.“

„Alle anderen sehen das genauso.“

Besonders wirkungsvoll wird die Dynamik, wenn weitere Menschen einbezogen werden.

Dann hört der Betroffene möglicherweise, dass angeblich die ganze Familie, Freunde oder Kollegen ebenfalls der Meinung seien, er sei schwierig.

Dadurch entsteht sozialer Druck. Aus einem Konflikt zwischen zwei Menschen wird scheinbar ein Urteil einer ganzen Gruppe.

Der Sündenbock versucht häufig, noch besser zu werden

Das Tragische ist, dass viele Betroffene zunächst genau das Falsche versuchen.

Sie geben sich noch mehr Mühe.

Sie werden geduldiger.

Sie erklären sich besser.

Sie vermeiden Konflikte.

Sie entschuldigen sich schneller.

Sie übernehmen zusätzliche Verantwortung.

Dahinter steckt Hoffnung:

„Wenn ich mich nur richtig verhalte, wird man irgendwann erkennen, dass ich nicht das Problem bin.“

Doch in einer festgefahrenen Sündenbock-Dynamik geht es häufig gar nicht mehr darum, was du konkret getan hast.

Es geht um die Rolle, die dir zugewiesen wurde.

Deshalb kann sogar dein Widerspruch gegen einen ungerechten Vorwurf als weiterer Beweis gegen dich benutzt werden:

„Siehst du, wie aggressiv du bist?“

Schweigst du, heißt es vielleicht:

„Du weißt genau, dass ich recht habe.“

Damit entsteht eine Situation, in der fast jede Reaktion gegen dich ausgelegt werden kann.

Wie kommst du aus der Sündenbock-Rolle heraus?

Der erste Schritt besteht darin, Verantwortung genauer zu betrachten. Nicht jede Schuld, die dir gegeben wird, gehört dir.

Frage dich deshalb bei einem Konflikt konkret: Was habe ich tatsächlich getan?

Nicht: „Warum ist die andere Person wütend?“

Sondern: „Wofür bin ich objektiv verantwortlich?“

Vielleicht hast du einen Fehler gemacht. Dann kannst du ihn anerkennen.

Aber du musst nicht zusätzlich die Wut, Beleidigungen oder Entscheidungen eines anderen Menschen übernehmen.

Ein hilfreicher Satz kann sein: „Für meinen Anteil übernehme ich Verantwortung. Deinen Anteil übernehme ich nicht.“

Hör auf, dich vor einem unsichtbaren Gericht zu verteidigen

Wer lange zum Sündenbock gemacht wurde, lebt häufig in einem inneren Verteidigungsmodus.

Du sammelst Beweise.

Du erinnerst dich an Nachrichten.

Du erklärst Zusammenhänge.

Du möchtest endlich beweisen, dass du kein schlechter Mensch bist.

Aber irgendwann darfst du dich fragen:

Vor wem führe ich eigentlich diesen Prozess?

Du brauchst nicht die Zustimmung des Menschen, der dich ständig beschuldigt, um zu wissen, dass nicht alles deine Schuld ist.

Manche Diskussionen enden nicht dadurch, dass du das perfekte Argument findest.

Sie enden dadurch, dass du nicht mehr daran teilnimmst.

Grenzen verändern die alte Rollenverteilung

Wenn du beginnst, Verantwortung zurückzugeben, kann Widerstand entstehen.

„Du übernimmst nie Verantwortung!“

„Jetzt sind plötzlich alle anderen schuld!“

„Du hast dich verändert.“

Vielleicht hast du dich tatsächlich verändert.

Aber Veränderung muss nichts Schlechtes sein.

Vielleicht entschuldigst du dich nicht mehr automatisch.

Vielleicht beantwortest du nicht mehr jeden Vorwurf.

Vielleicht sagst du:

„Das sehe ich anders.“

Oder:

„Ich bin bereit, über meinen Anteil zu sprechen, aber nicht die gesamte Verantwortung zu übernehmen.“

Damit verlässt du langsam die alte Rolle.

Du bist mehr als die Geschichte, die über dich erzählt wurde

Das kann der schwierigste Teil der Heilung sein.

Wenn du jahrelang gehört hast, dass du schwierig, undankbar, egoistisch oder schuld an allem bist, reicht es nicht immer, einfach Abstand zu gewinnen.

Die fremde Stimme kann im Kopf weiterleben.

Deshalb geht es nach einer solchen Erfahrung auch darum, das eigene Selbstbild neu kennenzulernen.

Was sagen Menschen über dich, die dich respektvoll behandeln?

Wie fühlst du dich in Beziehungen, in denen du dich nicht ständig verteidigen musst?

Wer bist du, wenn du nicht gerade versuchst, jemanden zufriedenzustellen?

Manchmal erkennt man erst außerhalb einer ungesunden Dynamik, wie viel Kraft man jahrelang dafür verwendet hat, gegen ein Bild von sich anzukämpfen, das nie wirklich fair war.

Du musst nicht beweisen, dass du vollkommen fehlerfrei bist.

Kein Mensch ist das.

Du darfst Fehler machen, Verantwortung übernehmen und dich weiterentwickeln.

Aber es gibt einen großen Unterschied zwischen Verantwortung übernehmen und zum Verantwortlichen für alles gemacht werden.

Genau diesen Unterschied darfst du wieder lernen.

Vielleicht warst du lange der Mensch, auf den alle zeigten, wenn etwas schieflief.

Vielleicht hast du deshalb irgendwann selbst angefangen, auf dich zu zeigen.

Doch du darfst damit aufhören.

Nicht jede Schuld gehört dir.

Nicht jeder Vorwurf beschreibt dich.

Und nicht jede Geschichte, die andere über dich erzählen, muss zu deiner eigenen Wahrheit werden.

Quellen

  • Karyl McBride – Will the Drama Ever End? Untangling and Healing from the Harmful Effects of Parental Narcissism
    Besonders passend zum Thema Sündenbock, Rollenverteilung, Schuldzuweisung und dysfunktionale Dynamiken in narzisstisch geprägten Familien. simonandschuster.com
  • Jay Reid – Growing Up as the Scapegoat to a Narcissistic Parent: A Guide to Healing
    Sehr direkt auf das Thema zugeschnitten: die Rolle des Sündenbocks, die psychischen Folgen ständiger Abwertung und Wege, sich aus dieser Rolle zu lösen. Jay Reid Psychotherapy
  • Karyl McBride – Will I Ever Be Good Enough? Healing the Daughters of Narcissistic Mothers
    Über die langfristigen Folgen narzisstischer Eltern-Kind-Dynamiken, Selbstzweifel, emotionale Abwertung und den Wiederaufbau des eigenen Selbstwertgefühls.

Author

  • Melina Lauer Fuchs

    Ich bin Melina, Autorin dieses Textes. Mit meinen Worten möchte ich berühren, aufrütteln und zum Nachdenken anregen. Themen wie emotionale Verletzungen, familiäre Muster und inneres Wachstum begleiten mich seit vielen Jahren – beruflich wie persönlich. Wenn du dich in meinen Zeilen wiederfindest, dann weißt du: Du bist nicht allein.

    View all posts