Vom Mitgefühl zum Werkzeug – so macht ein Narzisst aus Menschen seine fliegenden Affen
Der Begriff der „fliegenden Affen“ stammt ursprünglich aus Der Zauberer von Oz und beschreibt dort Figuren, die blind den Befehlen der bösen Hexe folgen.
In der Psychologie wird dieser Begriff heute verwendet, um Menschen zu beschreiben, die – oft unbewusst – im Auftrag eines Narzissten handeln, seine Interessen verteidigen und seine Manipulationen weitertragen. Meist glauben sie dabei sogar, moralisch richtig zu handeln.
Doch wie kommt es dazu, dass empathische, hilfsbereite oder loyale Menschen zu Werkzeugen eines narzisstischen Systems werden?
Narzissmus als Beziehungssystem
Narzissmus ist keine bloße Charaktereigenschaft, sondern ein komplexes Beziehungsmuster. Narzisstisch geprägte Menschen regulieren ihren Selbstwert fast ausschließlich über andere.
Sie brauchen Bewunderung, Loyalität, Zustimmung und Kontrolle, um ihr inneres Gleichgewicht aufrechtzuerhalten.
Dabei sehen sie Menschen nicht primär als eigenständige Individuen, sondern als Funktionen:
- als Quelle von Anerkennung
- als Spiegel ihres Selbstbildes
- als Schutzschild gegen Kritik
- oder als Mittel zur Durchsetzung ihrer Interessen
In diesem System entstehen automatisch Rollen. Eine davon ist die Rolle der „fliegenden Affen“.
Wer wird zum fliegenden Affen?
Entgegen gängiger Annahmen sind fliegende Affen nicht per se bösartig oder manipulativ. Im Gegenteil: Häufig sind es Menschen mit ausgeprägtem Mitgefühl, Harmoniebedürfnis oder Verantwortungsgefühl.
Besonders anfällig sind:
- empathische Persönlichkeiten
- Menschen mit starkem Helfersyndrom
- konfliktscheue Personen
- Menschen mit eigenen unverarbeiteten Bindungstraumata
- Personen mit Autoritätsgläubigkeit oder Loyalitätskonflikten
Der Narzisst erkennt diese Eigenschaften instinktiv – und nutzt sie gezielt.
Der Einstieg: Mitleid statt Manipulation
Der Weg zum fliegenden Affen beginnt fast nie mit offenen Befehlen. Er beginnt mit Mitleid.
Der Narzisst präsentiert sich als:
- missverstanden
- ungerecht behandelt
- verletzt
- angegriffen
- verlassen oder verraten
Er erzählt selektive Geschichten, lässt entscheidende Details weg und stellt sich selbst konsequent als Opfer dar. Die Botschaft lautet unterschwellig: „Ich brauche dich. Nur du verstehst mich.“ Mitgefühl wird damit zum Türöffner.
Die schleichende Loyalitätsverschiebung
Im nächsten Schritt wird eine emotionale Allianz aufgebaut. Der Narzisst schafft ein „Wir gegen sie“-Narrativ:
- gegen den angeblich toxischen Ex-Partner
- gegen die feindselige Familie
- gegen neidische Kollegen
- gegen „unfaire“ Kritiker
Der fliegende Affe fühlt sich auserwählt, gebraucht und moralisch überlegen. Kritik am Narzissten wird als Angriff umgedeutet. Zweifel gelten als Illoyalität.
So verschiebt sich die Loyalität langsam weg von der Wahrheit – hin zur Beziehung.
Moralische Umdeutung und Schuldumkehr
Ein zentrales Werkzeug narzisstischer Manipulation ist die moralische Umdeutung. Der Narzisst verpackt seine Ziele in ethische Begriffe:
„Ich will doch nur Frieden.“
„Ich verteidige mich nur.“
„Ich sage das nur zu deinem Besten.“
„Du hilfst mir, Ungerechtigkeit zu korrigieren.“
Der fliegende Affe glaubt, etwas Gutes zu tun. In Wirklichkeit übernimmt er Aufgaben wie:
- Weitertragen von Gerüchten
- Druckausübung auf andere
- Überwachung oder Ausspionieren
- Einschüchterung
- emotionale Erpressung
Dabei bleibt das eigene Selbstbild unangetastet: Ich bin hilfsbereit, nicht manipulativ.
Die Abgabe von Verantwortung
Ein entscheidender psychologischer Mechanismus ist die Verlagerung von Verantwortung. Der Narzisst trifft selten offene Entscheidungen. Stattdessen formuliert er Andeutungen:
„Du musst selbst entscheiden, aber ich würde…“
„Ich sage ja nichts, aber findest du das nicht auch komisch?“
„Ich würde das nicht mit mir machen lassen.“
Der fliegende Affe handelt scheinbar aus eigenem Antrieb – trägt aber die Konsequenzen nicht bewusst. Die Verantwortung bleibt emotional beim Narzissten, faktisch beim Ausführenden.
Warum fliegende Affen bleiben?
Viele fliegende Affen bleiben lange in ihrer Rolle, weil sie emotional belohnt werden:
- durch Anerkennung
- durch Nähe
- durch das Gefühl, wichtig zu sein
- durch Zugehörigkeit
- Zugleich fürchten sie:
- Ablehnung
- Liebesentzug
- Schuldgefühle
- den Verlust der Beziehung
Oft entsteht eine subtile Abhängigkeit: Wer einmal geholfen hat, fühlt sich verpflichtet, weiterzumachen.
Wenn Zweifel aufkommen
Nicht selten erleben fliegende Affen irgendwann innere Konflikte. Sie spüren:
Unbehagen
Widersprüche in den Geschichten
moralische Dissonanz
Schuld oder Scham
Der Narzisst reagiert darauf meist mit:
Gaslighting („Das bildest du dir ein.“)
Schuldzuweisungen („Nach allem, was ich für dich getan habe…“)
Opferinszenierung
Abwertung
Zweifel werden damit unterdrückt – zumindest vorübergehend.
Die zerstörerischen Folgen
Für die Betroffenen eines narzisstischen Systems sind fliegende Affen oft besonders verletzend. Sie kommen aus dem eigenen Umfeld, wirken glaubwürdig und verstärken Isolation und Ohnmacht.
Doch auch für die fliegenden Affen selbst ist die Rolle langfristig schädlich:
- Verlust eigener Werte
- Schuldgefühle
- Beziehungsabbrüche
- Identitätskonflikte
- emotionale Erschöpfung
Viele erkennen erst im Nachhinein, dass sie instrumentalisiert wurden.
Der Ausstieg: Bewusstsein statt Schuld
Menschen werden nicht zu fliegenden Affen, weil sie schlecht sind – sondern weil sie manipuliert wurden.
Der Ausstieg beginnt mit Fragen wie:
Wem dient mein Handeln wirklich?
Handle ich aus Überzeugung oder aus Angst?
Darf ich widersprechen?
Würde ich dasselbe tun, wenn ich alle Informationen hätte?
Sobald Verantwortung wieder ins eigene Bewusstsein zurückkehrt, verliert der Narzisst Macht.
Fazit
Narzisstische Manipulation funktioniert nicht durch Stärke, sondern durch das Ausnutzen von Mitgefühl. Fliegende Affen sind kein Zeichen von Boshaftigkeit, sondern von ungeschützten Grenzen.
Wer versteht, wie aus Empathie ein Werkzeug gemacht wird, kann sich schützen – und verhindern, Teil eines Systems zu werden, das anderen schadet und am Ende auch einen selbst zerstört.
Quellen
- Flying Monkeys: How Narcissists Brainwash Family Into Supporting Their Narrative von Robert Mohr
- How the Covert Narcissist Turns Friends and Family Members Into Flying Monkeys von Terra Hurst
- Narzissten, Egomanen, Psychopathen in der Arbeitswelt von Heinz-Peter Röhr






