Warum Narzissten oft im Alkohol Trost suchen

Warum Narzissten oft im Alkohol Trost suchen

Wenn Menschen an Narzissten denken, stellen sie sich häufig jemanden vor, der sich selbst liebt, ständig Aufmerksamkeit sucht und von seinem eigenen Wert überzeugt ist. Deshalb überrascht viele eine Tatsache: Hinter narzisstischem Verhalten steckt oft ein Mensch, der vor bestimmten Gefühlen davonläuft.

Nicht vor Freude. Nicht vor Erfolg.


Sondern vor Schmerz.

Viele Narzissten verbringen einen großen Teil ihres Lebens damit, unangenehme Gefühle zu vermeiden. Sie wollen sich nicht schwach fühlen, nicht hilflos, nicht zurückgewiesen und nicht unbedeutend. Genau deshalb kann Alkohol für manche Narzissten besonders verführerisch werden.


Alkohol verändert die Realität für einen Moment

Das Besondere am Alkohol ist, dass er nicht nur den Körper beeinflusst. Er verändert auch die Wahrnehmung.

Plötzlich wirken Probleme kleiner.

Verletzungen weniger schmerzhaft.

Ängste weniger bedrohlich.

Für jemanden, der Schwierigkeiten hat, mit seinen Gefühlen umzugehen, kann das wie eine Erleichterung wirken.

Ein Narzisst, der sich nach einer Kritik gedemütigt fühlt, muss diese Kränkung für einige Stunden nicht mehr spüren.

Ein Narzisst, der sich innerlich wertlos fühlt, kann sich vorübergehend stärker fühlen.

Ein Narzisst, der Angst vor dem Alleinsein hat, kann diese Gefühle für einen Abend verdrängen.

Genau darin liegt die Anziehungskraft.

Die Gefühle, die niemand sehen soll

Viele Narzissten haben früh gelernt, dass bestimmte Gefühle gefährlich sind.

Traurigkeit wirkt schwach.

Unsicherheit wirkt peinlich.

Angst passt nicht zum Bild eines starken Menschen.

Also werden diese Gefühle versteckt. Nach außen zeigt sich Selbstbewusstsein. Im Inneren entsteht jedoch oft ein ständiger Kampf.

Je mehr ein Mensch versucht, Gefühle zu unterdrücken, desto mehr Energie kostet ihn das. Alkohol kann diesen Kampf vorübergehend stoppen.

Deshalb beschreiben manche Betroffene das Trinken als eine Form von „Abschalten“. Nicht die Welt soll verschwinden. Die Gefühle sollen verschwinden.

Wenn Erfolg nicht mehr reicht

Viele Narzissten suchen Anerkennung durch Leistung, Status oder Bewunderung. Solange alles gut läuft, funktioniert dieses System oft. Doch kein Mensch kann ständig gewinnen.

Irgendwann kommt die Trennung.

Die Kündigung.

Das Älterwerden.

Die Krankheit.

Der Verlust von Aufmerksamkeit.

Plötzlich reicht die äußere Bestätigung nicht mehr aus, um das innere Gleichgewicht aufrechtzuerhalten. Für manche Menschen wird Alkohol dann zu einem Ersatz für die Anerkennung, die sie vermissen.

Warum manche Narzissten unter Alkohol ihr wahres Gesicht zeigen

Viele Angehörige berichten, dass sich ein narzisstischer Mensch nach Alkohol stark verändert. Das liegt oft daran, dass Alkohol die Kontrolle schwächt.

Die Maske wird dünner.

Gedanken werden ungefiltert ausgesprochen.

Wut wird sichtbarer.

Kränkungen kommen an die Oberfläche.

Manche Narzissten beginnen dann, andere abzuwerten.

Andere werden extrem empfindlich.

Wieder andere schwanken zwischen Selbstüberschätzung und Selbstmitleid.

Was nach außen wie eine plötzliche Veränderung wirkt, ist häufig etwas, das schon vorher vorhanden war. Der Alkohol macht es lediglich sichtbarer.

Die Suche nach innerer Ruhe

Eine Seite des Narzissmus wird selten thematisiert: Viele Betroffene erleben eine innere Unruhe.

Sie vergleichen sich ständig mit anderen.

Sie suchen Bestätigung.

Sie sorgen sich um ihr Ansehen.

Sie wollen Kontrolle behalten.

Dieses ständige Bedürfnis nach Aufmerksamkeit und Anerkennung kann anstrengend sein. Alkohol vermittelt kurzfristig das Gefühl, dass dieser innere Druck verschwindet.

Zum ersten Mal seit langer Zeit fühlt sich alles ruhiger an. Doch diese Ruhe ist nur geliehen. Am nächsten Morgen kehren die Sorgen zurück.

Der Teufelskreis beginnt

Das Problem ist, dass Alkohol niemals die Ursache beseitigt. Er verändert nur für kurze Zeit die Wahrnehmung.

Die Einsamkeit bleibt.

Die Unsicherheit bleibt.

Die Beziehungskonflikte bleiben.

Die innere Leere bleibt.

Oft kommen sogar neue Probleme hinzu.

Konflikte mit Partnern.

Finanzielle Schwierigkeiten.

Gesundheitliche Folgen.

Schuldgefühle.

Dadurch entsteht ein Kreislauf. Je schlechter es einem Menschen geht, desto größer kann die Versuchung werden, erneut zum Alkohol zu greifen.

Narzissten trinken nicht immer aus denselben Gründen

Es gibt nicht den einen narzisstischen Menschen.

Manche trinken, weil sie sich mächtiger fühlen wollen.

Manche trinken, um Kränkungen zu vergessen.

Manche trinken gegen Einsamkeit.

Manche trinken, weil sie sich selbst nicht aushalten.

Deshalb ist Alkohol bei Narzissten nicht die Ursache des Problems, sondern häufig ein Versuch, mit etwas Tieferliegendem umzugehen.

Was wirklich helfen würde

Die eigentliche Herausforderung besteht darin, Gefühle zuzulassen, statt sie zu betäuben. Für viele Narzissten ist das jedoch besonders schwer.

Es bedeutet, sich mit Unsicherheit auseinanderzusetzen.

Verantwortung zu übernehmen.

Verletzungen anzuerkennen.

Sich selbst nicht nur in starken, sondern auch in schwachen Momenten zu akzeptieren. Das ist deutlich schwieriger als ein Glas Alkohol. Aber nur dieser Weg kann langfristig zu echter Veränderung führen.

Fazit

Narzissten suchen im Alkohol oft nicht deshalb Trost, weil sie das Leben genießen wollen. Sie suchen Trost, weil sie vor Gefühlen fliehen, die sie nicht spüren möchten.

Alkohol bietet ihnen für kurze Zeit Abstand von Scham, Einsamkeit, Kränkungen oder innerem Druck.

Doch was zunächst wie Erleichterung wirkt, wird häufig zu einer weiteren Belastung. Denn die Gefühle verschwinden nicht. Sie warten im Hintergrund – und kehren meist stärker zurück, sobald die Wirkung des Alkohols nachlässt.

Quellen

Craig Malkin – Rethinking Narcissism
Beschreibt die emotionalen Bedürfnisse und Verletzlichkeiten hinter narzisstischem Verhalten.

Joseph Burgo – The Narcissist You Know
Erklärt, warum Scham und ein instabiles Selbstwertgefühl oft eine zentrale Rolle beim Narzissmus spielen.

Lindsay C. Gibson – Adult Children of Emotionally Immature Parents
Zeigt, wie mangelnde emotionale Reife die Fähigkeit beeinflussen kann, mit schwierigen Gefühlen gesund umzugehen.

Author

  • Melina Lauer Fuchs

    Ich bin Melina, Autorin dieses Textes. Mit meinen Worten möchte ich berühren, aufrütteln und zum Nachdenken anregen. Themen wie emotionale Verletzungen, familiäre Muster und inneres Wachstum begleiten mich seit vielen Jahren – beruflich wie persönlich. Wenn du dich in meinen Zeilen wiederfindest, dann weißt du: Du bist nicht allein.

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