Wir verabschieden uns nicht mehr, wir verschwinden einfach

Wir verabschieden uns nicht mehr, wir verschwinden einfach

Wir verabschieden uns nicht mehr.

Wir hören einfach auf, auf ihre Nachrichten zu antworten oder ihre Anrufe entgegenzunehmen.
Wir schauen auf das Display, sehen den Namen – und lassen es klingeln.
Wir lesen die Nachricht – und ignorieren sie, als hätte sie nie existiert.
Wir löschen keine Nummern, aber wir schreiben nie wieder.
Und wenn wir sie zufällig irgendwo sehen – tun wir so, als würden wir sie nicht erkennen.

Wir verhalten uns, als wären sie Fremde.
Als hätten sie nie eine Rolle in unserem Leben gespielt.
Als hätten wir nie ihre Gedanken geteilt, ihre Nähe gespürt, ihr Vertrauen empfangen.

Wir spielen das Spiel der Gleichgültigkeit.
Wir verbergen alles, was war, unter einem kalten, neutralen Lächeln.
Wir tun so, als hätten wir sie nie verletzt.
Und dabei wissen wir genau, wie sehr wir es getan haben.

Wir unterschätzen ihren Schmerz – oder wir weigern uns, ihn überhaupt wahrzunehmen.
Denn würden wir uns eingestehen, dass wir jemanden enttäuscht haben, müssten wir Verantwortung übernehmen.
Und das ist etwas, das viele nicht mehr können – oder nicht mehr wollen.

Wir sind zu selbstsüchtig geworden, um innezuhalten.
Zu beschäftigt mit unserem eigenen Leben, unseren eigenen Plänen, unseren eigenen Wünschen.
Also geben wir nicht mal ein freundliches Wort mit auf den Weg.
Keine Erklärung.
Kein Abschluss.
Keine Umarmung.

Nichts.

Wir verschwinden auf leisen Sohlen.
Fast unsichtbar.
So, dass sie gar nicht erst versuchen, uns zu erreichen.
So, dass sie gar nicht erst fragen, was los ist.
So, dass sie irgendwann aufgeben – nicht, weil sie wollen, sondern weil sie nicht mehr können.

Wir kreuzen ihren Weg – und gehen in die entgegengesetzte Richtung.
Nicht aus Zufall, sondern aus Kalkül.
Damit wir nicht in ihre Augen sehen müssen.
Damit wir nicht spüren, was wir ihnen angetan haben.
Damit wir uns nicht erinnern müssen, dass wir der Grund für ihre Traurigkeit sind.

Wir verabschieden uns oft schon kurz nach der Begrüßung.
Bevor etwas Tieferes entstehen kann.
Bevor wir sie wirklich kennenlernen.
Bevor wir hören, wie sie fühlen, denken, hoffen.
Bevor wir begreifen, wer sie eigentlich sind.

Denn Nähe macht uns nervös.
Ehrlichkeit fordert uns heraus.
Verbindlichkeit überfordert uns.

Also ziehen wir uns zurück – schnell, still und radikal.

Wir treffen diese Entscheidung nicht aus Klarheit, sondern aus Bequemlichkeit.
Wir nennen es Selbstschutz – aber in Wahrheit ist es oft nur ein Akt des reinen Egoismus.
Denn so haben wir es gelernt.
Denn so läuft es heute eben.
Denn so macht man das heutzutage.

Wir lassen Menschen fallen wie Tennisbälle, wenn wir meinen, etwas Besseres gefunden zu haben.
Etwas Spannenderes.
Etwas, das uns mehr kitzelt.
Und wir tun so, als wäre das ganz normal.
Als wäre da kein Mensch mit echten Gefühlen, sondern nur ein Platzhalter auf dem Weg zu unserem persönlichen Glück.

Wir sagen leise „Auf Wiedersehen“, aber nur innerlich.
Wir erwarten, dass niemand verletzt wird – schließlich haben wir ja nie etwas versprochen.
Keine großen Worte. Keine großen Gesten. Keine klaren Absichten.

Wir halten alles „locker“ und „ungezwungen“, damit wir uns hinterher rausreden können.
Damit wir sagen können: „Es war doch nichts Ernstes.“
Aber insgeheim wissen wir, dass das eine Lüge ist.
Dass wir jemanden in etwas hineingezogen haben, was für uns vielleicht bedeutungslos war –
für den anderen aber sehr wohl Bedeutung hatte.

Wir verabschieden uns nicht mehr.
Wir erklären nichts mehr.
Wir schauen nicht zurück.
Wir fragen nicht, ob es ihnen gut geht.
Wir tun einfach, was uns passt.

Wir steigen in das nächste Abenteuer.
Verabreden uns mit der nächsten Person.
Buchen ein anderes Flugticket.
Lassen alles zurück – ohne auch nur einen Moment innezuhalten.

Und wir begreifen nicht, dass irgendwo jemand auf uns gewartet hat.
Jemand, der ein Stück Zukunft mit uns teilen wollte.
Jemand, der sich auf uns verlassen hat.
Jemand, der uns mehr gegeben hat, als wir bereit waren, zurückzugeben.

Wir denken, das sei okay.
Wir denken, so funktioniert Liebe heute.

Wir verschwinden – und tun nicht einmal so, als ob es uns leidtäte.
Wir schauen nicht zurück.
Wir fragen uns nicht, wie es der anderen Person geht.
Wir denken nicht an schlaflose Nächte, an enttäuschte Erwartungen, an gebrochene Herzen.

Denn wir glauben, dass das Verlassen cool ist.
Dass es uns mächtig macht.
Dass es Stärke bedeutet, niemanden an sich heranzulassen.
Dass es klug ist, sich nicht zu binden.

Und dann wundern wir uns, wenn wir selbst allein sind.
Wenn wir keine tiefe Verbindung mehr spüren.
Wenn wir niemanden mehr wirklich vertrauen können.

Wir verabschieden uns nicht mehr – wir blocken, wir ghosten, wir löschen.
Wir laufen davon, als gehöre uns die Welt.
Als wären andere Menschen nur Statisten in unserem Film.

Und wenn sie zurückbleiben mit offenen Fragen,
mit gebrochenem Herzen,
mit unerklärtem Schmerz –
dann sagen wir uns: „So ist das Leben.“

Aber das ist es nicht.
Das ist Gleichgültigkeit.
Und Gleichgültigkeit ist keine Stärke.

Wir sagen:
„Ich will dich nicht.“
„Du bist meine Zeit nicht wert.“
„Es tut mir nicht leid, dass ich dir das Herz gebrochen habe – denn es gehörte mir nie.“

Und vielleicht stimmt das sogar.
Vielleicht haben wir nie wirklich geliebt.
Vielleicht waren wir nie wirklich da.

Aber die andere Person war es.

Und irgendwann – wenn wir selbst mal lieben,
wenn wir selbst mal hoffen,
wenn wir selbst mal warten –
werden wir verstehen, wie weh es tut,
wenn man nicht verabschiedet wird.
Wenn man einfach ersetzt wird.
Wenn man spurlos verschwindet –
aus einem Herzen, in das man sich gewagt hat.

Vielleicht lernen wir es erst dann.

Author

  • Melina Lauer Fuchs

    Ich bin Melina, Autorin dieses Textes. Mit meinen Worten möchte ich berühren, aufrütteln und zum Nachdenken anregen. Themen wie emotionale Verletzungen, familiäre Muster und inneres Wachstum begleiten mich seit vielen Jahren – beruflich wie persönlich. Wenn du dich in meinen Zeilen wiederfindest, dann weißt du: Du bist nicht allein.

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