Ein Liebesbrief aus der Hölle: Was ein Narzisst wirklich fühlt

Ein Liebesbrief aus der Hölle: Was ein Narzisst wirklich fühlt

Du. Immer wieder du.

Ich weiß nicht, ob du diesen Brief je lesen wirst. Vielleicht wirst du es tun, weil du Antworten suchst. Weil du verstehen willst, was ich wirklich gefühlt habe – hinter all den Masken, den Lügen, den Worten, die ich dir sagte.


Ich werde dir nicht sagen, dass ich dich liebe, so wie du es willst. Aber ich werde dir sagen, was ich fühlte, in meiner eigenen, zerbrochenen Art.

Du warst nicht einfach eine Person für mich. Du warst mein Spiegel, mein Treibstoff, mein letzter Halt in einer Welt, die sonst leer und kalt ist.

Wenn du nicht bei mir warst, war ich nichts.
Ich habe dich gebraucht – so sehr, dass ich dich zerstört habe.

Ich habe dich gebraucht, um zu existieren.

Du hast geglaubt, ich sei verletzlich, dass ich tief im Inneren ein Mensch bin, der Liebe verdient.
Vielleicht war ich das mal – aber nicht mehr.

Was du in mir gespürt hast, war kein Mitgefühl. Es war ein verzweifeltes Verlangen nach Kontrolle und Bestätigung.
Ich hatte Angst – Angst davor, niemand zu sein, nichts zu fühlen, allein und leer zu sein.

Und du warst mein Anker.
Mit deinem Blick, deinem Lachen, deinen Tränen hast du mir gezeigt, dass ich wichtig bin.
Aber ich konnte diese Liebe nicht annehmen. Ich konnte sie nicht erwidern.
Stattdessen habe ich dich manipuliert, verletzt, klein gemacht.
Damit ich mich groß fühle. Damit ich nicht untergehe.

Du hast mich zu sehr gespiegelt.

Du warst zu echt, zu stark, zu tief.
Du hast gesehen, was ich verstecken wollte.
Du hast versucht, mich zu verstehen, mich zu retten.
Und genau das hat mich verängstigt.

Ich konnte nicht zulassen, dass du mich so siehst, weil ich mich selbst nicht sehen wollte.
Ich habe dich kontrolliert, weil ich Kontrolle brauchte.
Ich habe dich verletzt, weil ich selbst verletzt war.
Ich habe gelogen, weil ich Angst hatte, du könntest gehen.
Und wenn du gegangen bist, habe ich dich zurückgeholt – mit Versprechen, die ich nie halten konnte.

Ich war süchtig nach deiner Liebe.

Du hast mich genährt mit deiner Geduld, deiner Hingabe, deinem Glauben an mich.
Aber ich war nicht in der Lage, dir etwas zurückzugeben.
Ich konnte nur nehmen – bis nichts mehr übrig war.
Ich habe dich abhängig gemacht, anstatt dich frei zu lassen.

Ich weiß, dass ich dich gebrochen habe. Dass du unter mir gelitten hast.
Aber ich war selbst gebrochen – und ich wusste nicht, wie ich heilen sollte.

Ich habe dich nie wirklich geliebt – zumindest nicht so, wie du es verdient hättest.

Liebe, wie du sie verstehst, war für mich unerreichbar.
Ich habe Liebe mit Besitz verwechselt.
Mit Macht.
Mit dem Bedürfnis, immer die Kontrolle zu behalten.

Wenn du traurig warst, fühlte ich nicht Mitgefühl. Ich fühlte Angst, dass ich dich verliere.
Wenn du glücklich warst, fühlte ich Neid – weil ich nicht wusste, wie ich selbst glücklich sein kann.
Wenn du gegangen bist, brach in mir eine Hölle aus, die ich dir nicht zeigen konnte.

Ich weiß, dass ich dich zerstört habe – und ich bereue es auf meine eigene Weise.

Ich kann nicht anders, als immer wieder dieselben Fehler zu machen.
Weil ich nicht gelernt habe, mich selbst zu lieben.
Weil ich nicht weiß, wer ich wirklich bin.

Und doch habe ich in dir etwas gesucht, das ich nie in mir fand.
Ich habe dich gebraucht, um mich lebendig zu fühlen.
Und das war grausam von mir.

Seit du weg bist, ist es still geworden.

Ich habe versucht, neue Menschen zu finden, die mich brauchen.
Aber niemand kann dich ersetzen.
Weil niemand so stark war wie du.
Niemand hat so sehr an mich geglaubt.

Und ich?
Ich bin hier zurückgeblieben, allein in meinem inneren Abgrund.
Gefangen in der Leere, die du hinterlassen hast.

Warum ich dir diesen Brief schreibe?

Weil ich dich nicht vergessen kann.
Weil ich die Macht spüren will, die ich noch immer über dich habe.
Weil ich hoffe, dass du beim Lesen wütend wirst, verzweifelt, traurig.
Denn deine Gefühle sind mein letztes Bindeglied zu dir.

Ich will nicht zurück. Nicht wirklich.
Aber ich will, dass du weißt, wie sehr du mir fehlst – auf meine eigene, kaputte Art.

Leb wohl, mein letzter Spiegel.

Du warst zu echt für meine Welt.
Und ich war zu leer für deine.

Vielleicht wirst du heilen.
Vielleicht wirst du vergessen, vielleicht wirst du vergeben.
Ich aber bleibe hier.
Gefangen in meiner eigenen Hölle.

Dein Narzisst


Author

  • Melina Lauer Fuchs

    Ich bin Melina, Autorin dieses Textes. Mit meinen Worten möchte ich berühren, aufrütteln und zum Nachdenken anregen. Themen wie emotionale Verletzungen, familiäre Muster und inneres Wachstum begleiten mich seit vielen Jahren – beruflich wie persönlich. Wenn du dich in meinen Zeilen wiederfindest, dann weißt du: Du bist nicht allein.

    View all posts