Überforderte Mutter, abwesender Vater – die leisen Narben einer Kindheit
Ich war elf, als ich zum ersten Mal begriff, dass ich emotional auf mich allein gestellt war. Es war Winter. Ich hatte Fieber, lag mit Husten und Schüttelfrost im Bett. Meine Mutter kam rein, stellte eine Teetasse neben mich, ohne etwas zu sagen, und ging wieder. Kein Streicheln über die Stirn. Kein „Wie geht es dir, mein Schatz?“ Nur Pflichterfüllung.
Ich weiß noch, wie sehr ich mir gewünscht hätte, dass sie bleibt. Dass sie sich zu mir setzt, meine Hand hält, mich spüren lässt: Du bist wichtig. Stattdessen hörte ich nur, wie die Tür leise ins Schloss fiel – und ich wieder allein war.
Damals dachte ich, ich sei einfach zu alt, um noch getröstet zu werden. Heute weiß ich: Meine Mutter war mit ihrem Leben völlig überfordert. Zwei Kinder, ein Haushalt, ein Job, ein Mann, der kaum Anteil nahm. Sie funktionierte – aber sie lebte nicht. Und sie liebte, ohne es zeigen zu können.
Ich erinnere mich an ihren ständigen Blick auf die Uhr. An die gestressten Bewegungen. An das Seufzen. An das „Jetzt nicht!“ oder das „Ich hab grad keine Zeit!“ Ich erinnere mich daran, wie oft ich das Gefühl hatte, zu stören. Nicht, weil sie böse war – sondern weil sie immer irgendwo zwischen To-do-Listen und innerem Zusammenbruch schwebte.
Meine Mutter war keine kalte Frau. Ich glaube sogar, sie fühlte sehr viel. Vielleicht zu viel. Aber sie hatte keinen Raum, dieses Fühlen zuzulassen. Also machte sie zu. Und ich lernte: Nähe gibt es nicht umsonst. Wenn ich sie wollte, musste ich sie mir verdienen.
Ich wurde das hilfsbereite Kind. Das vernünftige. Das, das sich um die kleine Schwester kümmerte, ohne darum gebeten zu werden. Das, das seine Sorgen für sich behielt. Und das irgendwann aufhörte, Fragen zu stellen – weil keine Zeit für Antworten war.
Und dann war da mein Vater.
Er war… da. Körperlich zumindest. Am Abend. Auf dem Sofa. Mit dem Handy in der Hand oder den Nachrichten im Fernseher. Wenn er sprach, dann über Politik, über Arbeit, über Dinge, die mit mir nichts zu tun hatten. Ich wusste nicht, wie seine Umarmung sich anfühlt. Ich wusste nur, wie es sich anfühlt, ignoriert zu werden.
Ich kann mich nicht erinnern, dass er je gefragt hätte, wie es mir wirklich geht. Ob ich Freunde habe. Ob mich etwas bedrückt. Ich hätte gerne erzählt – von dem Jungen, der mich in der Schule gehänselt hat, von meinem ersten Auftritt in der Theatergruppe, von der Angst, nicht dazuzugehören. Aber ich tat es nicht. Weil ich längst gespürt hatte, dass es niemanden interessiert.
Das Schlimme an seiner Abwesenheit war nicht das, was er tat. Es war das, was er nie tat.
Ich wuchs auf mit der Überzeugung, dass ich mich selbst nicht allzu wichtig nehmen darf. Dass Gefühle lästig sind. Dass ich nur dann Aufmerksamkeit bekomme, wenn ich perfekt funktioniere. Ich wurde eine Meisterin im Beobachten. Im Anpassen. Im Überspielen.
In der Jugend rebellierte ich nicht laut. Ich zog mich zurück. Ich trug meine Kämpfe leise aus – in meinem Inneren. Ich entwickelte eine Form der Selbstverleugnung, die sich gut tarnt: als Selbstständigkeit, als „Ich schaff das schon allein“. Aber darunter war die Sehnsucht, einfach mal schwach sein zu dürfen. Und trotzdem gehalten zu werden.
Als Erwachsene fiel es mir schwer, Nähe zuzulassen. Ich fühlte mich schnell überfordert, wenn jemand mir zu nah kam. Und gleichzeitig litt ich unter der Kälte, wenn Menschen auf Abstand gingen. Ich lebte in einem inneren Dilemma: Ich wollte Liebe – und hatte Angst davor.
In Beziehungen wiederholte ich das, was ich kannte. Ich verliebte mich in Männer, die mich emotional hungern ließen. Die beschäftigt waren. Die ihre Welt für mich nicht öffneten. Und ich blieb – viel zu lange – in der Hoffnung, dass ich irgendwann wichtig genug bin.
Ich glaubte, Liebe müsse verdient werden. Und dass ich mich nur dann zeigen darf, wenn ich stark bin. Dass Schwäche der schnellste Weg ist, verlassen zu werden.
Bis ich eines Tages in der Therapie saß, weinend, erschöpft, leer – und meine Therapeutin sagte: „Sie mussten sich als Kind selbst erziehen.“ Und da fiel es wie Schuppen von meinen Augen. Ich war nicht falsch. Ich war nicht überempfindlich. Ich war einfach ein Kind, das emotional verhungerte – und gelernt hatte, diesen Hunger nicht mehr zu spüren.
Seitdem ist viel passiert.
Ich habe mich Schritt für Schritt zurückgeholt. Habe gelernt, meine Gefühle ernst zu nehmen. Mir selbst zuzuhören. Grenzen zu setzen. Nicht mehr zu warten, dass jemand kommt und mich endlich sieht – sondern mich selbst zu sehen.
Heute bin ich Mutter. Und manchmal sehe ich mich in meiner Tochter: in ihrer Art, alles wissen zu wollen, in ihrer Energie, in ihrer Sensibilität. Und ich höre mich sagen: „Ich sehe dich. Ich bin da.“ Und jedes Mal, wenn ich das tue, heilt ein kleines Stück in mir.
Ich will den Kreislauf durchbrechen. Ich will, dass sie weiß: Sie ist willkommen. Sie darf laut sein, traurig, wütend, voller Fragen. Sie muss sich nicht anpassen, um geliebt zu werden. Sie darf einfach sein.
Und ich?
Ich arbeite noch immer daran, mir selbst das zu geben, was ich vermisst habe. Ich verzeihe meinen Eltern – ohne zu beschönigen, was gefehlt hat. Ich verstehe, dass sie ihre eigenen Wunden hatten. Aber ich erkenne auch meine. Und ich weiß: Es ist nicht meine Schuld.
Die Narben meiner Kindheit sind leise. Man sieht sie nicht. Aber sie zeigen sich in den Momenten, in denen ich mich klein fühle, obwohl ich groß bin. In denen ich mich zurückziehe, obwohl ich Nähe brauche. In denen ich kämpfen will – obwohl längst niemand mehr da ist, der mich übergeht.
Aber ich lerne. Jeden Tag ein bisschen mehr. Mich zu halten. Mich ernst zu nehmen. Mich nicht mehr zu übergehen.
Denn ich bin kein übersehenes Kind mehr.
Ich bin eine Frau mit Geschichte. Und ich schreibe sie neu.






