Verdrängung: Wenn der Narzisst seinen eigenen Schmerz nicht wahrhaben will

Verdrängung Wenn der Narzisst seinen eigenen Schmerz nicht wahrhaben will

Manche Menschen sprechen über ihren Schmerz. Sie können zugeben, dass eine Zurückweisung sie getroffen hat, dass sie Angst haben oder dass sie sich nach Nähe sehnen. Andere Menschen reagieren völlig anders.

Sobald etwas weh tut, werden sie kalt, wütend oder abweisend. Sie beschäftigen sich sofort mit dem nächsten Ziel, suchen Ablenkung oder erklären, dass ihnen die betreffende Person ohnehin nie besonders wichtig gewesen sei.


Bei Menschen mit stark narzisstisch geprägten Verhaltensweisen kann es besonders schwer sein, bestimmte verletzliche Gefühle zuzulassen. Trauer, Scham, Hilflosigkeit oder das Gefühl, nicht wichtig genug zu sein, können mit dem eigenen Selbstbild kollidieren.

Statt diese Gefühle bewusst wahrzunehmen und zu verarbeiten, können verschiedene psychische Abwehrmechanismen ins Spiel kommen.

Einer davon ist die Verdrängung.

Verdrängung bedeutet nicht einfach, dass jemand bewusst beschließt, nicht über seine Probleme zu sprechen. In der psychologischen Tradition beschreibt der Begriff vielmehr einen unbewussten Vorgang, bei dem belastende Gedanken, Gefühle oder innere Konflikte aus dem bewussten Erleben ferngehalten werden.

Dieser Mechanismus ist keineswegs ausschließlich bei Narzissmus zu finden. Auch psychisch gesunde Menschen können unangenehme Erfahrungen verdrängen oder andere Formen der Abwehr nutzen. Entscheidend ist, wie stark solche Mechanismen das eigene Leben und die Beziehungen zu anderen Menschen bestimmen.


Wenn Verletzlichkeit nicht zum eigenen Selbstbild passt

Stell dir einen Menschen vor, der sich selbst vor allem als stark, unabhängig und überlegen erleben möchte.

Er möchte nicht derjenige sein, der jemanden braucht, verlassen wird oder einen Fehler gemacht hat. Solange das Leben dieses Selbstbild bestätigt, kann alles stabil wirken.

Doch dann kommt eine Situation, die nicht dazu passt.

Der Partner möchte gehen. Ein anderer Mensch kritisiert ihn. Eine berufliche Entscheidung fällt gegen ihn aus. Jemand, dessen Anerkennung ihm wichtig war, zieht sich zurück.

Plötzlich entsteht ein unangenehmer Widerspruch zwischen dem Bild, das der Mensch von sich selbst aufrechterhalten möchte, und dem, was gerade tatsächlich passiert.

Ein emotional reifer Umgang könnte bedeuten, zu sagen: „Das hat mich verletzt. Ich bin enttäuscht und brauche Zeit, damit umzugehen.“

Doch genau diese Position kann für manche Menschen schwer auszuhalten sein. Stattdessen entsteht möglicherweise eine völlig andere Geschichte: „Sie war sowieso nichts Besonderes.“ – „Der Chef ist inkompetent.“ – „Alle sind neidisch auf mich.“ – „Ich brauche niemanden.“

Damit verändert sich zwar nicht das Ereignis, aber möglicherweise das Gefühl, das damit verbunden ist.

Aus Schmerz kann Wut werden

Ein besonders interessantes Phänomen ist, dass nicht immer das Gefühl sichtbar wird, das ursprünglich ausgelöst wurde.

Vielleicht sagst du deinem Partner, dass du mehr Abstand brauchst. Du erwartest Enttäuschung oder Traurigkeit. Stattdessen wird er wütend.

Vielleicht beleidigt er dich, macht dir Vorwürfe oder erklärt plötzlich, dass er schon lange darüber nachgedacht habe, dich zu verlassen.

Du fragst dich: Warum reagiert jemand so aggressiv, wenn er eigentlich verletzt sein müsste?

Eine mögliche Erklärung ist, dass Wut für manche Menschen leichter auszuhalten ist als Verletzlichkeit. Wut fühlt sich aktiv und kraftvoll an.

Man kann angreifen, argumentieren und die Verantwortung nach außen verlagern. Trauer und Hilflosigkeit verlangen dagegen, anzuerkennen, dass man nicht alles kontrollieren kann.

Natürlich steckt nicht hinter jeder Wut versteckte Traurigkeit. Trotzdem können verschiedene Gefühle gleichzeitig vorhanden sein. Was nach außen sichtbar wird, muss nicht immer das gesamte innere Erleben eines Menschen widerspiegeln.

Abwertung kann den Schmerz kurzfristig kleiner machen

Besonders deutlich kann dieser Mechanismus nach Zurückweisung werden.

Gestern warst du noch der wichtigste Mensch in seinem Leben. Nachdem du eine Grenze gesetzt hast, bist du plötzlich „egoistisch“, „undankbar“ oder „nie etwas Besonderes gewesen“.

Das ist für den Partner oft kaum nachvollziehbar. Wie kann sich das Bild eines Menschen innerhalb weniger Stunden so stark verändern?

Abwertung kann in manchen Fällen eine psychische Schutzfunktion erfüllen. Wenn jemand, den ich verliere, plötzlich in meiner Wahrnehmung weniger wertvoll ist, erscheint auch der Verlust kleiner. Wenn ich mir sage, dass du sowieso nicht gut genug für mich warst, muss ich mich weniger intensiv damit auseinandersetzen, dass du mich möglicherweise nicht mehr möchtest.

Das macht die Abwertung für den Betroffenen nicht weniger verletzend. Es kann jedoch erklären, warum sie gerade dann auftritt, wenn ein Mensch sich zurückgewiesen oder gekränkt fühlt.

Ich brauche niemanden klingt stärker, als es manchmal ist

Ein Mensch, der sehr viel Wert auf Unabhängigkeit legt, kann den Eindruck vermitteln, Beziehungen seien für ihn jederzeit austauschbar.

Sobald es schwierig wird, heißt es: „Dann geh doch.“ Nach einer Trennung scheint er innerhalb kürzester Zeit wieder glücklich zu sein. Vielleicht gibt es schon einen neuen Partner, neue Fotos und neue Pläne.

Für den ehemaligen Partner kann das besonders schmerzhaft sein. Man fragt sich, ob die gemeinsame Zeit überhaupt etwas bedeutet hat.

Doch Menschen verarbeiten Verluste sehr unterschiedlich. Schnelles Weitermachen bedeutet nicht automatisch, dass keine Gefühle vorhanden waren. Gleichzeitig beweist eine schnelle neue Beziehung natürlich auch nicht, dass jemand etwas verdrängt.

Bei manchen Menschen kann ständige Aktivität jedoch dazu beitragen, unangenehme Gefühle nicht wahrnehmen zu müssen. Solange immer etwas Neues passiert, bleibt wenig Raum für Stille. Und gerade in der Stille könnten Fragen auftauchen, denen man lieber ausweicht.

Warum ist diese Beziehung gescheitert? Was war mein Anteil daran? Warum trifft mich Zurückweisung so stark? Warum brauche ich ständig Bestätigung?

Solche Fragen können unangenehmer sein als die nächste Ablenkung.

Verdrängter Schmerz kann Beziehungen belasten

Ein Gefühl verschwindet nicht zwangsläufig deshalb, weil wir nicht darüber sprechen. Unverarbeitete Erfahrungen können beeinflussen, wie wir spätere Situationen wahrnehmen.

Wer früher stark zurückgewiesen wurde, kann beispielsweise auf kleine Zeichen von Distanz besonders empfindlich reagieren.

Wer sich tief für eigene Fehler schämt, kann Kritik schneller als persönlichen Angriff erleben. Wer große Angst vor Kontrollverlust hat, versucht möglicherweise stärker, andere Menschen oder Situationen zu kontrollieren.

Das bedeutet nicht, dass jedes problematische Verhalten auf eine verborgene Verletzung zurückgeführt werden sollte.

Menschen handeln aus vielen verschiedenen Gründen. Doch gerade wiederkehrende, unverhältnismäßig starke Reaktionen können ein Hinweis darauf sein, dass eine aktuelle Situation etwas Älteres oder Tieferes berührt.

Das Schwierige daran ist, dass der Partner irgendwann für Gefühle verantwortlich gemacht werden kann, deren Ursprung möglicherweise weit vor der Beziehung liegt.

Wenn du anfängst, seinen Schmerz wichtiger zu nehmen als deinen eigenen

Für empathische Partner entsteht hier eine besondere Gefahr. Sobald sie verstehen, dass hinter Wut möglicherweise Verletzlichkeit steckt, verändert sich ihre Perspektive.

„Er hat wahrscheinlich Angst, mich zu verlieren.“

„Er wurde früher so oft enttäuscht.“

„Seine Kindheit war schwierig.“

„Eigentlich ist er tief verletzt.“

All diese Gedanken können durchaus Mitgefühl ausdrücken. Doch sie dürfen nicht dazu führen, dass verletzendes Verhalten grenzenlos entschuldigt wird.

Vielleicht hat ein Mensch tatsächlich alte Wunden. Vielleicht hat er nie gelernt, mit Scham, Zurückweisung oder Trauer umzugehen. Trotzdem bist du nicht dafür verantwortlich, diese Gefühle für ihn zu tragen.

Du kannst jemanden verstehen und gleichzeitig sagen: „So möchte ich nicht behandelt werden.“ Diese beiden Dinge widersprechen sich nicht.

Verstehen ist etwas anderes als Retten

Gerade bei narzisstisch geprägten Beziehungen kann der Wunsch entstehen, hinter der harten Fassade unbedingt den verletzten Menschen zu finden.

Vielleicht glaubst du, dass genügend Liebe, Geduld und Sicherheit irgendwann dafür sorgen werden, dass er sich öffnet.

Aber kein Partner kann einen anderen Menschen dazu zwingen, sich mit seinem inneren Schmerz auseinanderzusetzen.

Du kannst eine Tür öffnen. Durchgehen muss der andere selbst.

Dazu gehört möglicherweise, Verantwortung für eigenes Verhalten zu übernehmen, Kritik auszuhalten, unangenehme Gefühle wahrzunehmen und zu erkennen, dass Verletzlichkeit keine Schwäche bedeutet. Bei stark belastenden oder fest verankerten Mustern kann psychotherapeutische Unterstützung hilfreich sein.

Entscheidend ist jedoch die Bereitschaft des Menschen selbst.

Wirkliche Stärke braucht keine ständige Flucht vor Schmerz

Vielleicht liegt genau hier der Unterschied zwischen einer Fassade und tatsächlicher innerer Stabilität.

Stärke bedeutet nicht, nach einer Trennung sofort zu beweisen, dass man niemanden braucht. Sie bedeutet nicht, jeden Kritiker abzuwerten oder niemals zuzugeben, dass etwas wehgetan hat.

Innere Stärke kann bedeuten, eine Enttäuschung auszuhalten, ohne den anderen zerstören zu müssen. Sie kann bedeuten, einen Fehler anzuerkennen, ohne sich deshalb als wertlos zu erleben. Sie kann bedeuten, traurig zu sein, ohne sich dafür zu schämen.

Und manchmal besteht der größte Schritt einfach darin, einen Satz auszusprechen, der vorher unmöglich erschien: „Ja, das hat mich verletzt.“

Erst dann muss Schmerz nicht mehr ständig hinter Wut, Gleichgültigkeit, Überlegenheit oder Abwertung verschwinden.

Author

  • Melina Lauer Fuchs

    Ich bin Melina, Autorin dieses Textes. Mit meinen Worten möchte ich berühren, aufrütteln und zum Nachdenken anregen. Themen wie emotionale Verletzungen, familiäre Muster und inneres Wachstum begleiten mich seit vielen Jahren – beruflich wie persönlich. Wenn du dich in meinen Zeilen wiederfindest, dann weißt du: Du bist nicht allein.

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